Wachstum braucht ein visionäres Management und ausreichend Kapital

18. Mai 2020: Interview mit Astrid Kiener, der neuen Vorsitzenden des oekostrom AG-Aufsichtsrates zu ihrem ganz persönlichen Werdegang in der Energiewirtschaft, der strategischen Ausrichtung der oekostrom AG und den Lehren, die sie aus der Covid 19-Krise zieht.

Wo haben Sie die Energiewirtschaft kennengelernt?
Im Februar 2001 hat in Österreich nach 50 Jahren des Energiemonopols die Ära des liberalisierten Strommarkts begonnen. Das war eine völlig neue und besonders spannende Situation, die mich von der Bauwirtschaft zur Energiebranche gezogen hat. Noch im selben Jahr habe ich als Controllerin bei Verbund zu arbeiten begonnen. Ab 2002 war ich Geschäftsführerin in den Bereichen Handel und Großkundenvertrieb – zunächst in den ausländischen Niederlassungen, dann auch in Österreich. Seit dem Jahr 2009 bin ich selbstständig als Beraterin in der Energiebranche tätig.

Astrid Kiener_Vorsitzende des Aufsichtsrates

Sie sind seit vielen Jahren im Aufsichtsrat der oekostrom AG – was bringen Sie in Ihrer Funktion im Aufsichtsrat in die oekostrom AG ein?
Die oekostrom AG und ihre Vorreiterrolle in Sachen erneuerbare Energie waren mir aufgrund meiner beruflichen Laufbahn schon seit längerem vertraut, als ich mich 2013 der Wahl zum Aufsichtsrat der oekostrom AG gestellt habe. 2018 wurde ich wiedergewählt.

Als Beraterin betreue ich hauptsächlich Unternehmen, die Energie-Großverbraucher sind, mit einem ganzheitlichen Energie- und Risikomanagement. Dabei setze ich auf die Erfahrungen in den verschiedenen Wertschöpfungsstufen, und meine Kunden profitieren von meiner Kenntnis des Marktes und meinem Know-how sowohl auf Produzenten- und Lieferanten- als auch auf Kundenseite. Meine Stammkunden schätzen die hohe Identifikation mit ihren Bedürfnissen, das ganzheitliche Denken und die tiefe Marktkenntnis.

Lukas Stühlinger wird die oekostrom AG ja verlassen: Ist er aktuell noch im Unternehmen und wann wird er tatsächlich aus der oekostrom AG ausscheiden?
Lukas Stühlinger hat die oekostrom AG in den vergangenen sieben Jahren maßgeblich geprägt und gemeinsam mit René Huber und dem gesamten oekostrom AG-Team viel erreicht. Lukas Stühlinger versteht die Interdependenzen zwischen den ökologischen und ökonomischen Ansprüchen und Erwartungen der Gesellschaft nicht nur, er verkörpert sie auch. Er bleibt noch bis Ende Oktober, Sie sehen ihn also auch bei der Hauptversammlung am 28. Oktober 2020.

Wie steht es aktuell mit der Suche nach einem Nachfolger von Lukas Stühlinger?
Was seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger betrifft, spricht es für die Attraktivität der oekostrom AG, dass wir insgesamt 145 Bewerbungen für die Vorstandsposition erhalten haben. Darunter waren sehr viele hochqualifizierte und motivierte Persönlichkeiten. Bei der Evaluierung der Bewerbungen achten wir neben den Fachkompetenzen und den bisherigen Erfolgen der Bewerber besonders auf eine passende und glaubwürdige Identifikation mit den Werten der oekostrom AG.

Wir sind mittlerweile im Auswahlprozess weit fortgeschritten und werden im Aufsichtsrat schon bald über die Nachbesetzung entscheiden können. Damit ist ein Antritt voraussichtlich im September 2020 möglich und dadurch auch eine geordnete Übergabe. Ich freue mich auf den Moment, wenn ich Ihnen das neue Vorstandsmitglied im Rahmen der Hauptversammlung persönlich vorstellen darf!

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„Wir werden kräftig wachsen und uns auch qualitativ weiterentwickeln.“

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Die Bundesregierung hat auch bzw. wegen der Covid 19-Krise verstärkte Investitionen in Erneuerbare Energiequellen und eine nachhaltige Energieversorgung angekündigt: Wo sehen Sie hier die Rolle der oekostrom AG?
Ankündigungen gibt es bekanntermaßen oft und gern, zudem wartet die Branche ja noch auf den Entwurf des Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzes, das immerhin schon im kommenden Jahr 2021 in Kraft treten soll. Wir werden uns jedenfalls auf den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energie konzentrieren, neue Projekte entwickeln und diese auch umsetzen. Weiterhin bleibt es auch wichtig, öffentlich für die Bedürfnisse der Branche einzutreten und konstruktive Umsetzungsvorschläge in die Diskussion einzubringen.

Viele EVUs forcieren aktuell den Bau von Photovoltaikanlagen – nicht nur als Dachlösungen? Wie sehen hier die Pläne der oekostrom AG aus?
Zu Ihrem Stichwort Photovoltaik: Sie ist ein wichtiger Baustein der Strategie. Es geht hier langfristig um ein vielstimmiges und harmonisches Zusammenspiel: Wir werden kräftig wachsen und uns auch qualitativ weiterentwickeln. Dazu gehören die Erweiterung unserer Erzeugungskapazitäten in den Bereichen Photovoltaik und Windkraft, die Stärkung unserer Kundenbasis im Vertrieb, attraktive neue Produkte, einen belastbaren Handels- und Energiewirtschaftsbereich.

Was sind die Voraussetzungen für einen zukünftigen Erfolg des Unternehmens?
Was den Blick in die Zukunft betrifft, gibt es für die kommenden Jahre eine basale Bedingung: Wachstum braucht neben einem visionären Management, einer umsetzungsstarken Mannschaft und attraktiven Standorten, vor allem Kapital. Die Ziele der oekostrom AG erfordern daher eine Eigenkapitalerhöhung.

Wo sind aktuell die größten Herausforderungen für die österreichische Energiewirtschaft?
Die gesamtwirtschaftlichen Folgen von Covid 19 belasten in einer Kettenreaktion natürlich auch unsere Branche. Sorgen machen mir hier die Folgen eines Wirtschaftsabschwungs allgemein, sowie insbesondere für den Vertrieb an Geschäftskunden, die Auswirkungen auf die Zahlungsfähigkeit unserer Kunden insgesamt und die Auswirkungen auf den Kapitalmarkt. Der von Covid 19 induzierte breite Trend zum Arbeiten im Homeoffice wirkt sich allerdings vorteilhaft auf den Umsatz aus.

Welche Herausforderungen / Risken hält die aktuelle Krise für die oekostrom AG bereit?
So dankbar ich heute bin, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Umstieg auf das Arbeiten im Homeoffice so gut meistern, so sehr freue ich mich – so wie wohl die meisten – schon auf die Rückkehr ins Büro, auf den direkten, persönlichen Austausch, aber nicht zuletzt auch auf ein Zurück zu einer klaren Trennung zwischen Beruf und Privatleben.

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„Programme zur Konjunkturbelebung müssen Klimaschutzziele in den Mittelpunkt aller Anstrengungen stellen.“

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Ist Covid 19 auch eine Chance für eine Neuausrichtung der Energiewirtschaft?
Da wir in der Energiewirtschaft mit Massendaten zu tun haben, spielen eine agile IT-Infrastruktur und effiziente Prozesse immer eine wichtige Rolle. Eine kontinuierliche Verbesserung in diesem Bereich ist also ein erfolgsrelevanter Faktor, denn „noch besser“ geht erfahrungsgemäß immer. Im Übrigen hat das Virus mit dieser über Nacht radikal veränderten Situation uns allen einerseits die Vorteile der Digitalisierung vor Augen geführt, andererseits wurden dadurch auch ihre derzeitigen technischen und auch gesellschaftlichen Grenzen aufgezeigt. Die in den vergangenen Wochen massenhaft gemachten Erfahrungen haben jedenfalls zweifellos ein Impulspotenzial für viele Neuerungen und Verbesserungen im IT-Bereich.

Welche Lehren können wir aus dem Umgang mit dieser Krise für die Klimakrise ziehen?
Zur Frage des Lerneffekts für Klimakrise: Die im Zusammenhang mit Covid 19 erlebte Konsequenz und Geschwindigkeit der Umsetzung von Maßnahmen, die politische Entscheidungsfreude überhaupt: dies alles würde analog gestaltet auch zur effizienteren Bewältigung der Klimakrise wesentlich beitragen. Wir müssen nun besonders darauf achten, dass die künftigen Programme zur Konjunkturbelebung unsere Klimaschutzziele daher nicht nur „berücksichtigen“, sondern sie idealerweise in den Mittelpunkt aller Anstrengungen stellen.

Wird die oekostrom AG nach einem Rekordjahr 2019 eine Dividende ausschütten?
Das ist ein heiß diskutiertes Thema – auch im Aufsichtsrat der oekostrom AG. Das Rekordergebnis spricht für die Ausschüttung einer Dividende, ebenso, dass wir die Aktie für neue Investoren attraktiv halten wollen. Gleichzeitig sind die Auswirkungen von Covid 19 aktuell noch nicht final einschätzbar. Im Aufsichtsrat werden wir daher über unsere Empfehlung zur Ergebnisverwendung an die Hauptversammlung erst in der September-Sitzung abstimmen. Das letzte Wort darüber haben die Aktionäre in der Hauptversammlung.

Zur Person

Die gebürtige Oberösterreicherin Astrid Kiener ist seit vielen Jahren als freie Beraterin in der Energiewirtschaft tätig. Astrid Kiener gehört dem Aufsichtsrat der oekostrom AG, der aus 4 Kapital- und 2 Belegschaftsvertreterinnen besteht, seit 2013 an. Seit März 2020 ist sie dessen Vorsitzende.

Gudrun Stöger ist in der oekostrom AG seit mehr als dreizehn Jahren für Öffentlichkeitsarbeit, Investor Relations und Networking zuständig.