Was haben Investments mit indigenen Rechten zu tun?

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Roberto Maccariello / CLEANVEST

4. Mai 2020: “The foreign powers want to take all we have, which are natural resources! That’s why we need to be united.“ – Abuela Augustina, authority of Colombian South Western native peoples Misak and traditional obstetrician.

Nach wie vor werden die Ressourcen und Lebensräume Indigener ausgebeutet und zerstört, Proteste der Indigenen gegen solche Projekte werden gewaltsam niedergeschlagen, ganze Dörfer zwangsweise umgesiedelt und indigene AktivistInnen ermordet.

Das liegt vor allem daran, dass die Lebensweise und die Interessen indigener Völker sich deutlich von jenen der Nationalstaaten, in denen sich ihre Gebiete befinden unterscheiden. Kommen dann noch die Interessen (internationaler) Konzerne dazu, entsteht leider allzu oft ein gefährliches Machtgefüge, dass indigene Völker vielerorts stark unter Druck setzt.

Aus diesem Grund, wurde 2007 die United Nations Declaration on the Rights of Indigenous Peoples von der Generalversammlung der UN angenommen. Sie schreibt die besonderen Rechte Indigener fest, um ihrer Lebensweisen zu schützen. Unter vielen anderen Punkten beinhaltet die Deklaration Folgendes:

  • Die Kultur von Indigenen darf nicht unter Zwang von der dominanten Gesellschaftsform assimiliert werden (wie das in den „residential schools“ Kanada, den USA, Australien und Neuseeland bis weit in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert geschehen ist, was heute als kultureller Genozid bezeichnet werden kann).
  • Indigene dürfen nicht unter Zwang umgesiedelt werden – nur unter der Voraussetzung von vorangehender, freier und informierter Zustimmung und fairer Kompensation.
  • Indigene haben das Recht auf die Gebiete und natürlichen Ressourcen, die sie besitzen und bewohnen und auf die traditionelle Nutzung dieser Ressourcen.
  • Indigene haben das Recht darauf, dass ihre Gebiete geschützt werden, um weiterhin die Existenzgrundlage für ihre Lebensweise zu gewähren.
  • Keine gefährlichen oder schädlichen Materialien dürfen ohne Zustimmung in den Gebieten der Indigenen deponiert werden.

Auch Unternehmen, die in ihren Operationen mit indigenen Völkern in Kontakt kommen, müssen sich an diesen Rechtekatalog halten. Der IFC Performance Standard 7 ist ein Leitfaden für Unternehmen deren Operationen Einfluss auf Indigenen Völker und deren Lebensraum haben. Hier gilt: Die Rechte Indigener müssen über Profitinteressen stehen!

UN und IFC haben wichtige Grundlagen geschaffen, trotzdem kommt es nach wie vor zu Zusammenstößen und Interessenskonflikten, die in manchen Fällen leider gewaltsam verlaufen. Gerade in der Öl- und Gas-Branche kommt es oft zu Auseinandersetzungen mit Indigenen.

Investments, indigene Völker und die fossile Industrie
Bei der Erschließung von Öl- und Gasressourcen in abgelegenen Gebieten, wie Amazonas, Arktis oder Offshore in Küstennähe, treffen die Interessen der Industrie oft auf jene der ansässigen Indigenen. In vielen Fällen, sehen Indigene ihre Lebensgrundlagen durch die Projekte gefährdet. Es kommt zu Verschmutzungen ihrer Wasser -und Nahrungsquellen, Umsiedelungen und teilweise unfairen Verhandlungen über Kompensationszahlungen. In manchen Fällen werden Indigene nur oberflächlich oder sogar gar nicht in die Planung der Projekte eingebunden, obwohl die freie, vorangehende und informierte Zustimmung der Indigenen eine Grundvoraussetzung für die Umsetzung aller Projekte in ihren Gebieten sein muss.

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Roberto Maccariello / CLEANVEST

Um dieses wichtige soziale Anliegen auch in den eigenen Investmententscheidungen berücksichtigen zu können hat CLEANVEST Anfang April die Kriterien um den Schutz von Indigenen Völkern erweitert. Sehen Sie hier den Videobeitrag „Indigene Stimmen aus Kolumbien“ zum neuen Kriterium.

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Roberto Maccariello / CLEANVEST

Die erste Analyse mit diesem neuen Kriterium der auf www.cleanvest.org bewerteten Fonds zeigt, dass es starke Überschneidungen zwischen Investments in die Öl- und Gasindustrie und der Verletzung indigener Rechte gibt.

Von 852 untersuchten Fonds investieren 461 in Unternehmen, die im Öl- und Gassektor tätig sind und in Medienberichten der vergangenen 12 Monate für Projekte kritisiert wurden, die die Lebensweise und Umwelt Indigener gefährden. Insgesamt fließen über diese Fonds 2,3 Milliarden Euro in Aktien und Anleihen dieser doppelt problematischen Unternehmen.

Nachhaltigkeitsthemen sind oft negativ miteinander verbunden, wie diese Analyse zeigt. Das bietet aber auch die Möglichkeit zwei Probleme auf einmal zu lösen, wenn man seine Investments in Richtung eines der beiden Kriterien hin optimiert. Natürlich sollte man bei einzelnen Fonds nach wie vor auf die Einzelbewertungen zu den verschiedenen Nachhaltigkeitskriterien zurückgreifen. Für größere Anleger, die in eine breite Palette von Fonds investieren, kann eine solche Auswertung wertvolle Daten zur Optimierung in Richtung mehr Nachhaltigkeit des gesamten Portfolios liefern.
Klar ist, dass indigene Völker und ihre Lebensräume geschützt werden müssen! Zum Schluss nehmen wir uns noch der Frage an, wer eigentlich zu Indigenen dazuzählt.

Wer zählt zu indigenen Völkern
Es wird geschätzt, dass es weltweit 370 Millionen Menschen gibt, die sich selbst zu indigenen Völkern zählen – das sind fast 5 % der Weltbevölkerung. In mehr als 5.000 verschiedenen Gruppen leben diese Menschen in allen Gebieten der Erde und in enger Verbindung zu ihrer natürlichen Umwelt. Von den Inuit und Saami im hohen Norden bis zu den Maori in Neuseeland sprechen Indigene über 4.000 verschiedene Sprachen und schützen durch die nachhaltige Bewirtschaftung ihrer Lebensräume 80 % der Artenvielfalt des Planeten.

Die UN versteht unter Indigenen Menschen, die u.a.:

  • Sich selbst als Indigene identifizieren und von ihren Gemeinschaften als solche anerkannt werden.
  • In Gemeinschaften leben, die auf prä-koloniale und/oder vor-sesshafte Gesellschaften zurückgehen.
  • Eine starke Beziehung zu ihrem Territorium und ihrer natürlichen Umwelt haben.
  • In individuellen sozialen, ökonomischen und politischen Systemen leben.
  • Individuelle Sprachen, Kulturen und Glaubenssysteme besitzen.
  • Minderheiten in ihren nationalen Gesellschaften sind.
  • Sich dazu entschlossen haben ursprüngliche Lebensräume und Systeme des Zusammenlebens als abgeschlossene Gruppe oder Gemeinschaft aufrechtzuerhalten.
Christoph Frischer ist Head of ESG Research bei der ESG Plus GmbH. Die ESG Plus steht für Innovation und Nachhaltigkeit und erarbeitt gemeinsam mit ihren Partnern aus der Finanzwirtschaft konkrete und sinnvolle Lösungen für einen nachhaltigen Finanzmarkt und macht diese als glaubwürdige "Best-Practice" Beispiele einem breiten Publikum zugänglich.