Filmtipp: How to change the world

1971 segelt eine Gruppe engagierter Leute mit einem kleinen Boot in eine Atomtestzone vor der Küste Alaskas – diese Protestaktion begeistert, inspiriert und verändert die Welt. Damit beginnt die Geschichte von Greenpeace und der gesamten modernen Umweltbewegung.

email01_580pxDie Gründer von Greenpeace waren sich der Macht der Bilder für politische Kampagnen von Anfang an bewusst und dokumentierten ihre Aktionen auf 16 mm Filmmaterial. Für seinen packenden Dokumentarfilm konnte sich Regisseur Jerry Rothwell deshalb aus einem riesigen Archiv unglaublicher, bisher unveröffentlichter Filmaufnahmen bedienen.

Filmstart in Österreich ist der 16. Oktober 2015.

Hier geht’s zum Trailer von “How to change the world”

Regisseur Jerry Rothwell im Gespräch
Wann hatten Sie die Idee, einen Film über Bob Hunter und die anderen Gründer von Greenpeace zu drehen und wie sind Sie darauf gekommen?
Ich glaube, es war 2007, als ich im Archiv von Greenpeace International in Amsterdam Recherchen zu anderem Material anstellte. Zu jenem Zeitpunkt fing Greenpeace gerade an, Filmmaterial aus den 1970er Jahren zusammenzustellen. Es gab 1500 Dosen mit 16-mm-Filmen über die 70er-Jahre-Kampagnen. Irgendwie wurde mir klar, dass es sich dabei um interessantes Material über wirklich bedeutsame Momente des Beginns jener Bewegung handelte. Dann fing ich an, das Buch von Bob Hunter zu lesen – und es gefiel mir wirklich gut. Es zählte nicht zu diesen typischen Büchern, wie sie von Organisationsleitern in der Regel verfasst wurden – es war selbstkritisch, humorvoll, voller Episoden. Damals fand ich, dass er im Zentrum eines Films stehen sollte und dass es dem Film eine humorvolle Note, eben eine emotionale Seite, verleihen würde, wenn ich sein Buch als Erzählerstimme im Film einsetzen würde.

Sie haben das Greenpeace-Büro in Amsterdam besucht. Wie lange haben Sie insgesamt für Ihre Recherchen und die Durchsicht des ganzen Filmmaterials in den Greenpeace-Archiven gebraucht?
Nun, es war gar nicht so einfach, dieses ganze Material zu sichten. Schließlich gab es keine digitalen Kopien und ich musste mit einem alten 16 mm-Schneidetisch der Firma Steenbeck arbeiten. Es gab einen Archivar bei Greenpeace, der dokumentierte, was behalten und was entsorgt werden sollte. Dank seiner Unterstützung konnte ich feststellen, was auf dem Filmmaterial zu sehen war und wann die verschiedenen Filme aufgenommen wurden. Der Archivar entschied, welches Material zwischen den für mich interessanten Daten am besten war. Schlussendlich hatte ich Material für 20 Stunden digital eingescannt und hatte damit sozusagen die Quelle für meinen Film.
Wie lange hat es gedauert, die Zeitzeugen, also die Aktivisten von damals, für den Film zu interviewen? Es gibt zwölf Protagonisten in dem Film, die zu interviewen waren – eine ganze Menge also. Aber jeder war bereit mitzumachen. Ich nahm für den Film rund vierzig Stunden Interviews auf. Es gab immer zwei oder drei Sitzungen mit jeder einzelnen Person, denn ich wollte zwischendurch eine Nacht darüber schlafen, damit ich nochmal über die von mir gestellten Fragen und die anderen über ihre gegebenen Antworten nachdenken konnten. So wurde jeder rund vier Stunden interviewt. Ich denke, das ist großartiges historisches Material, und hoffentlich geht es irgendwann an Greenpeace, um dort aufbewahrt zu werden!

Sie sagten, Bob Hunter solle im Mittelpunkt des Films stehen. Sie haben seine Bücher gelesen und eine Menge Filmmaterial aus den Anfängen von Greenpeace gesichtet. Welcher Moment hat Sie am meisten berührt?
Das wohl interessanteste an Bob Hunter ist, dass er ein Anführer war, es aber nicht sein wollte. Er hasste Anführer. Er hatte einen sehr schwierigen Vater gehabt und viele Jahre damit verbracht, sich Autoritäten zu widersetzen. Als er also feststellte, für die Spitze der Organisation wohl der Richtige zu sein, war das sehr schwierig für ihn. Man konnte sehen, dass er auf Ausgewogenheit bedacht war, alle unterschiedlichen Fähigkeiten zusammenbringen wollte und Sicherheit für alle in dieser einen Organisation suchte. Gleichzeitig war er sehr hart mit sich selbst. Alles in allem war es für ihn ausgesprochen schwierig, beide Seiten leben zu lassen: Die Freundschaft zu den Mitstreitern zu wahren, sie aber auch in den Rahmen einer Organisation zu führen. Es ist genau diese Spannung, die ich so interessant fand. Bob war sehr erfolgreich. Er hatte die Fähigkeit, die sehr unterschiedlichen Aktivisten wie Patrick Moore, Rex Wyler und Carly Truman zusammenzuhalten, indem er das gemeinsame übergeordnete Ziel in den Blick nahm und alles andere, die kleineren Differenzen, zur Seite schob. 1979 aber war er dann ausgebrannt und brauchte ein paar Jahre, um sich zu erholen.

Bob starb 2005 an Krebs. Würde er noch leben: Was würden Sie ihn fragen wollen?
Das ist interessant. Keine Ahnung … Ich glaube, er war sehr bescheiden. In den 1970ern hat Greenpeace mit ihrem Protest das Unrecht bezeugt und so die Aufmerksamkeit auf Robbenjagd und Walfang gerichtet. Ich würde wohl folgende Frage stellen: Inzwischen befinden wir uns in einem Stadium, in dem das nicht mehr reicht. Heutzutage, im Zeitalter von Facebook, können wir Medien, die Dinge bezeugen, jederzeit mit allen teilen. Für mich sieht es so aus, als hätte dies aber auch eine ganz problematische Seite, eine entgegengesetzte Wirkung, denn wir glauben, etwas zu tun, während wir eigentlich gar nichts ändern. In den späten Sechzigern schrieb er Bücher darüber, wie die Medien sich verändern. Es würde mich wirklich interessieren, ob Bob Hunter heute ein Buch darüber schreiben würde, wie wir die Welt sehen und uns darüber ausdrücken und sie darstellen. Ich bin der Meinung, dass heute alles ganz anders ist.

Haben Sie einen Film über Bob Hunter oder über Greenpeace gedreht?
Es ist ein Film über Aktivismus, über Organisationen und darüber, wie du die ausschließliche Aufmerksamkeit auf eine Sache lenken kannst. Und wenn du erfolgreich bist, kannst du dich im nächsten Schritt damit befassen, wie diese Sache geändert werden kann. Daraus entstehen dann oft Organisationen wie Greenpeace oder Sea Shepherd oder wie auch immer sie heißen mögen. Es ist ein Film über einen Prozess und wie die Greenpeace-Mitglieder zu Aktivisten geworden sind. Sicherlich, Bob Hunter ist ein interessanter Charakter, aber der Titel des Films lautet nicht deshalb „How to change the world“, weil er eine Anleitung dafür wäre, wie man die Welt verändern kann. Es geht um die Untersuchung verschiedener Möglichkeiten zur Veränderung und um unterschiedliche Vorstellungen von Veränderung. Dabei habe ich die Wirkung auf den Menschen und die Beziehungen der Menschen untereinander in den Fokus gestellt.

Hat das Engagement dieser kleinen Gruppe um Bob Hunter für uns heute noch eine Bedeutung?
Die Botschaft versteht sich von selbst: eine ganz kleine Gruppe kann ganz unglaublichen Einfluss nehmen, wenn sie die Dinge gescheit angeht und die Medien geschickt einsetzt, wenn sie kreativ und couragiert ist. Was mich wirklich berührt hat, ist ihr Mut, denn die Leute waren sehr jung und setzen sich wirklich gefährlichen Situationen aus. Das sind zwei wichtige Aspekte: die Macht einer kleinen Gruppe und des Mutes.

Welche Meinung haben Sie heute über Greenpeace?
Nun, das heutige Greenpeace unterscheidet sich sehr vom Greenpeace der Siebziger Jahre. Aber das muss auch so sein. Hunter hatte seine Vision von einer Umweltpolizei, die die Aufmerksamkeit darauf lenkt, wie Unternehmen die internationalen Umweltregeln verletzen oder welchen Einfluss Firmen und Industrie auf die Natur und die Umwelt haben. Greenpeace muss eine große Organisation mit einer weiten Verbreitung sein, da sie noch größere Gegner hat. Auch wenn das Wachsen einer Organisation immer Schwierigkeiten wie Bürokratie oder ein gewisses Konkurrenzdenken mit sich bringt. Eine Gruppe Hippies in einem Boot kann den erforderlichen Wandel nicht herbeiführen. Die Organisation muss an internationalen Diskussionen, Klimawandel-Vereinbarungen und so weiter beteiligt sein und deren Kraft nutzen können. Ich glaube, Hunter war sich darüber sehr wohl im Klaren. Das Walfangmoratorium in 1982 wäre ohne die Lobbyarbeit von Greenpeace nicht zustande gekommen. Die ersten Kampagnen gegen Walfang lenkten die Aufmerksamkeit auf das Thema, das Walfangverbot hingegen bedurfte politischer Lobbyarbeit. Eine Organisation wie Greenpeace ist absolut notwendig.

Welche Umweltprobleme sind Ihrer Meinung nach am wichtigsten?
Meiner Meinung nach ist es ganz klar der Klimawandel, dessen Konsequenzen wir schon jetzt erfahren. Das Problem ist, dass wir ein Wirtschaftssystem haben, das keine Verantwortung für die Umwelt übernimmt. Es wird nur kurzfristig gedacht, dabei wäre ein langfristiges, verantwortungsvolles Handeln notwendig.

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