Inside Trading Room #1: Warum Strom heute negativ und morgen teuer sein kann
10.06.2026 • von Andreas Forster
Der Spotmarkt bildet die kurzfristige Situation im Stromsystem ab. Der Terminmarkt ermöglicht es Marktteilnehmer:innen hingegen, Preise für zukünftige Stromlieferungen frühzeitig abzusichern. Um Strompreise besser zu verstehen, lohnt sich daher ein genauer Blick auf beide Märkte.
Der Spotmarkt: Strom für morgen und die nächsten Stunden
Am Spotmarkt wird Strom kurzfristig gehandelt. Ein großer Teil des Handels betrifft Strom, der am nächsten Tag geliefert wird. Zusätzlich können Marktteilnehmer ihre Strommengen noch am Liefertag anpassen und bis kurz vor der tatsächlichen Lieferung handeln.
Der Preis entsteht dort, wo Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen. Da Stromerzeugung und Stromverbrauch jederzeit im Gleichgewicht sein müssen, reagieren die Spotmarktpreise besonders sensibel auf die aktuelle Situation.
Entscheidend sind unter anderem:
An einem kalten, windstillen Winterabend mit hoher Nachfrage kann Strom am Spotmarkt sehr teuer sein. An einem sonnigen und windreichen Feiertag mit geringem Verbrauch kann der Preis hingegen stark fallen.
Ein negativer Strompreis bedeutet, dass Erzeuger am Großhandelsmarkt dafür bezahlen, dass jemand ihren Strom abnimmt.
Eine solche Situation kann entstehen, wenn kurzfristig deutlich mehr Strom erzeugt als verbraucht wird. Besonders wahrscheinlich ist das in Stunden, in denen viel Wind- und Solarstrom verfügbar ist, während die Nachfrage niedrig bleibt – etwa an einem sonnigen Sonntagnachmittag.
Ein solches kurzfristiges Überangebot kann mehrere Ursachen haben.
Manche Kraftwerke können ihre Leistung technisch nicht innerhalb weniger Minuten oder Stunden ausreichend reduzieren. Auch das Abschalten und spätere Wiederanfahren einer Anlage kann mit hohen Kosten verbunden sein. Für Kraftwerke kann es deshalb wirtschaftlich sinnvoller sein, für kurze Zeit negative Marktpreise zu akzeptieren, anstatt die Anlage vollständig herunterzufahren.
Gleichzeitig sind Stromnetze und Speicher nur begrenzt verfügbar. Überschüssiger Strom kann daher nicht immer in andere Regionen transportiert oder für einen späteren Zeitpunkt gespeichert werden.
Auch bereits abgeschlossene Lieferverträge, Fördermechanismen oder andere wirtschaftliche Rahmenbedingungen können dazu führen, dass Anlagen trotz negativer Marktpreise weiterproduzieren.
Negative Preise sind somit ein kurzfristiges Marktsignal: In einer bestimmten Stunde ist mehr Strom vorhanden, als unmittelbar verbraucht, gespeichert oder transportiert werden kann.
Für Endkund:innen bedeutet das allerdings nicht automatisch kostenlosen Strom. Der Preis auf der Stromrechnung hängt in der Regel nicht von einer einzelnen Stunde am Spotmarkt ab. Neben den Kosten für die Energiebeschaffung umfasst die Rechnung auch Netzentgelte, Steuern und Abgaben.
Flexible Stromtarife wie oekostrom smart sparen können Kund:innen jedoch dabei unterstützen, ihren Verbrauch stärker an Zeiten mit günstigen Marktpreisen anzupassen. Wer beispielsweise ein Elektroauto lädt oder Haushaltsgeräte dann nutzt, wenn viel erneuerbarer Strom verfügbar ist, kann von günstigeren Preisphasen profitieren und zugleich das Stromsystem entlasten.
Am Terminmarkt werden Stromlieferungen für zukünftige Zeiträume gehandelt. Dabei kann es sich um einen bestimmten Monat, ein Quartal oder ein ganzes Jahr handeln.
Ein Energieversorger wie die oekostrom AG kann beispielsweise bereits heute einen Teil des erwarteten Strombedarfs für das kommende Jahr einkaufen. Umgekehrt können Stromproduzent:innen ihre erwartete Erzeugung frühzeitig verkaufen.
Der zentrale Zweck des Terminmarktes ist Planungssicherheit. Käufer:innen und Verkäufer:innen vereinbaren heute einen Preis für eine spätere Lieferung. Dadurch reduzieren sie das Risiko, von zukünftigen Preisschwankungen überrascht zu werden.
Für Energieversorger ist diese Absicherung besonders wichtig. Wer Kund:innen einen längerfristig stabilen Tarif anbietet, muss abschätzen können, zu welchen Kosten der benötigte Strom beschafft werden kann. Auch Industriebetriebe möchten ihre zukünftigen Energiekosten möglichst verlässlich planen.
Terminmarktpreise sind keine einfache Prognose des zukünftigen Spotpreises. Sie zeigen vielmehr, zu welchem Preis Marktteilnehmer:innen heute bereit sind, zukünftige Stromlieferungen verbindlich zu kaufen oder zu verkaufen.
Dabei spielen zahlreiche Erwartungen und Risiken eine Rolle.
Marktteilnehmer:innen berücksichtigen beispielsweise, wie sich die Preise für Erdgas, Kohle und CO₂-Emissionszertifikate entwickeln könnten. Diese Faktoren beeinflussen die Erzeugungskosten vieler Kraftwerke und damit auch den Strompreis.
Hinzu kommen Unsicherheiten über das zukünftige Wetter, die Stromnachfrage und die Verfügbarkeit von Kraftwerken. Ein trockener Sommer kann die Stromerzeugung aus Wasserkraft verringern. Ein kalter Winter kann den Verbrauch erhöhen. Ungeplante Kraftwerksausfälle oder eingeschränkte Netzkapazitäten können das Angebot zusätzlich verknappen.
Auch geopolitische Entwicklungen, regulatorische Veränderungen sowie veränderte Import- und Exportmöglichkeiten können zukünftige Strompreise beeinflussen.
Wer heute einen Preis für eine Lieferung in mehreren Monaten oder Jahren garantiert, übernimmt einen Teil dieser Unsicherheit. Dafür kann eine sogenannte Risikoprämie im Preis enthalten sein. Vereinfacht gesagt ist die Risikoprämie ein zusätzlicher Preisbestandteil, den Marktteilnehmer:innen für die Übernahme eines schwer vorhersehbaren Preisrisikos verlangen.
All diese Faktoren können dazu führen, dass Strom am Terminmarkt teurer gehandelt wird als aktuell am Spotmarkt.
Das muss jedoch nicht immer der Fall sein. Erwartet der Markt beispielsweise sinkende Brennstoffpreise, eine geringere Nachfrage oder eine höhere Stromerzeugung, können Terminmarktpreise auch unter den aktuellen Spotmarktpreisen liegen.
Energieversorger kaufen den benötigten Strom üblicherweise nicht zu einem einzigen Zeitpunkt ein. Stattdessen werden die erwarteten Mengen schrittweise über verschiedene Zeiträume und Märkte beschafft.
Ein Teil des Strombedarfs kann bereits Monate oder Jahre im Voraus am Terminmarkt abgesichert werden. Weitere Mengen werden zu späteren Zeitpunkten ergänzt oder kurzfristig am Spotmarkt gekauft.
Diese gestaffelte Beschaffung reduziert das Risiko, den gesamten Strombedarf ausgerechnet in einer besonders teuren Marktphase einkaufen zu müssen. Sie kann dadurch zu besser planbaren und stabileren Tarifen für Kund:innen beitragen.
Einzelne Stunden mit negativen Spotmarktpreisen wirken sich deshalb meist nur begrenzt auf längerfristige Strompreise aus. Entscheidend ist nicht eine einzelne günstige oder teure Stunde, sondern der durchschnittliche Einkaufspreis über viele Zeitpunkte und Lieferzeiträume hinweg.
Häufigere Stunden mit sehr niedrigen oder negativen Preisen setzen dennoch wichtige Impulse für die Energiewende. Sie zeigen, wann zusätzliche Speicher, flexible Verbraucher:innen, intelligente Ladesysteme und leistungsfähigere Stromnetze besonders wertvoll sind.
Der Spotmarkt bildet ab, wie viel Strom kurzfristig verfügbar ist und wie hoch die aktuelle Nachfrage ausfällt. Negative Preise können entstehen, wenn vorübergehend mehr Strom erzeugt wird, als verbraucht, gespeichert oder transportiert werden kann.
Der Terminmarkt bewertet hingegen zukünftige Stromlieferungen und die damit verbundenen Unsicherheiten. Seine Preise berücksichtigen Erwartungen, Risiken und den Wert langfristiger Planungssicherheit.
Dass Strom heute zeitweise einen negativen Preis haben kann, während Lieferungen für das kommende Jahr deutlich teurer gehandelt werden, ist daher kein Widerspruch. Die Preise beziehen sich auf unterschiedliche Zeiträume und erfüllen unterschiedliche Aufgaben.