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Inside Trading Room #5: Wenn das Wetter den Strompreis bestimmt

28.10.2026 • von Andreas Forster

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Wenn das Wetter den Strompreis bestimmt

Trockenheit, Hitze und Gewitter: Warum Wetterextreme den Stromhandel zunehmend herausfordern – und weshalb präzise Prognosen und schnelle Entscheidungen immer wichtiger werden.

Was haben ein ausgetrockneter Fluss in der Steiermark, eine Gewitterfront über Niederösterreich und eine Hitzewelle in Südeuropa gemeinsam? Sie alle können Auswirkungen auf den Strompreis haben. Manchmal über Wochen und Monate, manchmal innerhalb weniger Minuten.

Das Jahr 2026 zeigt besonders deutlich, wie eng Wetter, Klima und Strommarkt miteinander verbunden sind. Anhaltende Trockenheit setzt die heimische Wasserkraft unter Druck. Gleichzeitig können plötzliche Wetterumschwünge die Einspeisung aus Windkraft und Photovoltaik innerhalb kürzester Zeit verändern.

Für den Stromhandel bedeutet das: Das Wetter ist längst nicht mehr nur eine wichtige Einflussgröße. Es ist zu einem zentralen Marktfaktor geworden.

Trockenheit: Wenn der Wasserkraft das Wasser fehlt

Österreich ist traditionell ein Wasserkraftland. Doch die Stromerzeugung aus Flüssen hängt unmittelbar vom verfügbaren Wasser ab – und das wird zunehmend zu einer Herausforderung.

Der Sommer 2026 war außergewöhnlich trocken. Österreichweit fiel rund ein Drittel weniger Niederschlag als im langjährigen Durchschnitt. Ende August lagen an mehr als 95 Prozent der Pegelmessstellen die Abflüsse unter dem langjährigen Monatsmittel. Auch der September brachte keine nachhaltige Entspannung.

Was zunächst wie ein rein hydrologisches Problem aussieht, hat konkrete wirtschaftliche Folgen für Stromproduzent und Energieversorger.

Weniger Wasser bedeutet vor allem für Wasserkraftwerke eine geringere Stromproduktion. Damit fehlen Erzeugungsmengen, die ursprünglich eingeplant und möglicherweise bereits verkauft wurden. Wurde die erwartete Stromproduktion langfristig zu einem fixen Preis vermarktet, muss die fehlende Menge unter Umständen am Markt nachgekauft werden. Liegen die aktuellen Strompreise über dem ursprünglich vereinbarten Verkaufspreis, entstehen zusätzliche Kosten.

Die Trockenheit wirkt sich deshalb nicht nur auf die Stromerzeugung aus, sondern kann auch die Wirtschaftlichkeit bestehender Vermarktungsverträge erheblich beeinflussen.

Vom Flusspegel bis zur Strombörse

Wie stark sich Trockenheit auf den Strompreis auswirkt, hängt von der jeweiligen Marktsituation ab.

Am Spotmarkt, auf dem Strom für den nächsten Tag und die kommenden Stunden gehandelt wird, kann eine geringere Wasserkrafterzeugung das verfügbare Angebot reduzieren. Fehlen gleichzeitig Wind- und Solarstrom, müssen möglicherweise teurere Kraftwerke eingesetzt oder zusätzliche Strommengen importiert werden.

Auch der Terminmarkt reagiert auf Wetterrisiken. Werden über längere Zeit niedrige Wasserstände erwartet, kann das die Einschätzungen zur zukünftigen Stromverfügbarkeit und damit die Preisbildung für kommende Monate und Quartale beeinflussen.

Besonders herausfordernd wird die Situation, wenn sich mehrere Wetterphänomene überlagern: geringe Wasserführung, wenig Wind und gleichzeitig eine hohe Stromnachfrage durch sommerliche Hitze.

Allerdings gilt: Trockenheit führt nicht automatisch zu höheren Strompreisen. Entscheidend ist immer das Zusammenspiel von Stromangebot, Nachfrage, Kraftwerksverfügbarkeit und den Entwicklungen auf den europäischen Energiemärkten.

Das Wetter ist längst nicht mehr nur eine wichtige Einflussgröße. Es ist zu einem zentralen Marktfaktor geworden.

Gewitterfronten: Wenn Minuten entscheiden

Während Trockenheit den Strommarkt über Wochen oder Monate beeinflussen kann, sind Gewitterfronten und andere kurzfristige Wetterereignisse eine völlig andere Herausforderung.

Ein schnell aufziehendes Wolkenband kann die Erzeugung einer Photovoltaikanlage innerhalb weniger Minuten deutlich reduzieren. Gleichzeitig können starke Windböen die Stromproduktion von Windkraftanlagen kurzfristig erhöhen. Bei besonders hohen Windgeschwindigkeiten müssen Windräder aus Sicherheitsgründen unter Umständen sogar abgeschaltet werden.

Die Schwierigkeit: Diese Veränderungen lassen sich trotz moderner Wettermodelle nicht immer exakt vorhersagen.

Für den Stromhandel entstehen dadurch kurzfristige Abweichungen zwischen der erwarteten und der tatsächlich produzierten Strommenge.

Genau hier kommt der Intraday-Markt ins Spiel.

An diesem Markt können Energiehändler ihre Positionen noch kurzfristig anpassen. Wird beispielsweise weniger Solarstrom produziert als ursprünglich prognostiziert, kann die fehlende Menge nachgekauft werden. Fällt die Produktion höher aus als erwartet, können überschüssige Strommengen verkauft werden.

Je früher eine solche Abweichung erkannt wird, desto größer ist in der Regel der Handlungsspielraum.

Warum Wetterextreme auch den Regelenergiemarkt beeinflussen

Nicht jede Abweichung lässt sich rechtzeitig über den Stromhandel ausgleichen.

Da Stromerzeugung und Stromverbrauch jederzeit im Gleichgewicht bleiben müssen, greift die Austrian Power Grid (APG) als österreichischer Übertragungsnetzbetreiber bei Bedarf auf Regelenergie zurück.

Vereinfacht gesagt: Fehlt im Stromsystem kurzfristig Leistung, muss zusätzliche Energie bereitgestellt oder der Verbrauch reduziert werden. Ist zu viel Strom vorhanden, muss das System in die andere Richtung ausgeglichen werden.

Plötzliche Wetteränderungen können solche Ungleichgewichte verstärken – insbesondere dann, wenn die tatsächliche Einspeisung erneuerbarer Energien deutlich von den Prognosen abweicht.

Für Bilanzgruppen entstehen dadurch finanzielle Risiken. Werden geplante Strommengen nicht eingehalten, können Ausgleichsenergiekosten anfallen. Wie hoch diese ausfallen, hängt von der jeweiligen System- und Preissituation ab.

Gleichzeitig gewinnen flexible Anlagen an Bedeutung. Batteriespeicher (BESS), Pump- und Speicherkraftwerke und steuerbare Verbraucher können kurzfristig auf Veränderungen reagieren und unter geeigneten technischen sowie regulatorischen Voraussetzungen Regelenergie bereitstellen.

Damit wird Flexibilität zu einem wichtigen Baustein eines wetterabhängigen Energiesystems.

Die entscheidenden Faktoren: Prognosen und Geschwindigkeit

Im modernen Stromhandel reicht es längst nicht mehr aus, die Wettervorhersage für den nächsten Tag zu kennen.

Entscheidend ist, die richtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt zu haben – und daraus möglichst schnell die richtigen Entscheidungen abzuleiten.

Dafür werden unterschiedliche Prognosemodelle miteinander kombiniert:

  • Langfristige Wetter- und Klimamodelle unterstützen die Einschätzung saisonaler Risiken, etwa bei Trockenheit, Wasserführung oder winterlicher Stromnachfrage.
  • Kurzfristige Wettermodelle liefern wichtige Grundlagen für die Vermarktung am Day-Ahead-Markt.
  • Kürzestfristprognosen und Echtzeitdaten helfen dabei, Veränderungen bei Wind- und Solarstrom frühzeitig zu erkennen und Handelspositionen im Intraday-Markt anzupassen.

Zunehmend kommen dabei auch künstliche Intelligenz und automatisierte Handelsmodelle zum Einsatz. Sie können große Mengen meteorologischer Daten mit historischen Erzeugungswerten, aktuellen Messdaten und Marktinformationen verknüpfen.

Dabei geht es nicht darum, das Wetter perfekt vorherzusagen. Das wird auch mit den besten Modellen nicht möglich sein.

Vielmehr geht es darum, Unsicherheiten möglichst früh zu erkennen, laufend neu zu bewerten und entsprechend zu handeln.

Ein entscheidender Wettbewerbsvorteil entsteht dort, wo präzise Prognosen, aktuelle Anlagendaten und schnelle Handelsentscheidungen zusammenkommen.

Was bedeutet das für die Energiewende?

Mit dem weiteren Ausbau von Windkraft und Photovoltaik nimmt die Bedeutung wetterabhängiger Stromerzeugung zu. Gleichzeitig zeigen die Erfahrungen mit der Wasserkraft, dass auch etablierte erneuerbare Technologien von langfristigen klimatischen Veränderungen betroffen sind.

Die Energiewende braucht daher mehr als zusätzliche Erzeugungsanlagen.

Sie benötigt leistungsfähige Prognosesysteme, flexible Kraftwerke, Batteriespeicher, intelligente Verbrauchssteuerung und Strommärkte, die kurzfristig auf Veränderungen reagieren können.

Flexible und marktorientierte Vermarktungsmodelle können dazu beitragen, diese Risiken besser zu steuern und zusätzliche Erlösmöglichkeiten zu erschließen.

Fazit: Das Wetter können wir nicht kontrollieren. Unsere Reaktion darauf schon.

Die Trockenheit des Jahres 2026 macht deutlich, wie unmittelbar sich klimatische Entwicklungen auf die Energiewirtschaft auswirken können. Während langfristige Niederschlagsdefizite die Wasserkraft und damit die Stromverfügbarkeit beeinflussen, stellen kurzfristige Wetterextreme den Intraday-Handel und das Bilanzgruppenmanagement vor neue Herausforderungen.

Für uns im Trading Room der oekostrom AG bedeutet das, Wetterentwicklungen kontinuierlich zu beobachten, Prognosen laufend zu aktualisieren und flexibel auf Marktveränderungen zu reagieren.

Denn im Stromhandel entscheidet nicht nur, wie gut wir das Wetter vorhersagen können, sondern auch, wie schnell wir auf Veränderungen reagieren.

Und genau diese Fähigkeit wird in einem zunehmend erneuerbaren Energiesystem immer wichtiger.

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