Im Gespräch mit Chad Frischmann

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23. März 2020: Chad Frischmann ist Research Director bei Project Drawdown, einer non profit Organisation, die stichhaltige Strategien zur Umkehrung des Klimawandels erarbeitet.

oekostrom AG-Blogautor Leo Zirwes hat drei spannende Aspekte mit ihm besprochen:

Was heute von der Politik gebraucht wird

Frischmann: Ich denke, es geht darum, den Menschen eine positive Vision zu geben. Die meisten Menschen möchten ihr Leben genießen, sie möchten keinen Kampf fechten. Und das ist der springende Punkt. Wenn du als Politiker der Gesellschaft nur ein negatives Bild kommunizierst, verlierst du ganz viele Menschen für dieses wichtige Thema.

Es geht in erster Linie darum, den richtigen Frame zu setzen. Wenn du also sagst „wir müssen gegen etwas kämpfen“ dann machen die Leute schnell dicht. Weil wann tun wir Menschen das schon, eigentlich nur, wenn uns eine Gefahr direkt gegenüber steht. Diese Situation haben wir heute einfach nicht. Es wird sie mit Sicherheit eines Tages in dieser Form geben, nur noch nicht genau jetzt in diesem Moment. Wir beginnen heute eben erst diese Gefahr zu spüren.

Bevor diese Bedrohung uns zur Gänze gegenübersteht, müssen wir handeln, und zwar schnell. Ganz konkret gefragt würde ich damit beginnen, unsere derzeitige Situation als Klimanotstand zu framen. Denn wir in einer Notsituation sind, wenn wir einen globalen Notfall erleben, dann sind wir bereit als Gesellschaft zusammenzukommen. Genau dann sind wir gewillt uns gegenseitig zu helfen. Das ist der Moment in dem wir das begreifen.

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„Let’s shift subsidies that are currently been given to bad actors that are contributing to the problem, and shift those subsidies to good actors that are contributing to the solution.“

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Wie die Politik ansetzen kann

Frischmann: Zuallererst müssen wir uns bewusst werden, dass wir nicht zu irgendwem aufschauen können in der Hoffnung, dass man das Problem für uns löst. Wir neigen oft dazu zu sagen: die Politiker werden es schon richten, die werden das schon machen. Sie spielen natürlich eine wichtige Rolle, keine Frage, beispielsweise beim Setzen von Verordnungen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Ganz konkret sehe ich da die Transformation der Wirtschaft hin zu einem nachhaltigeren und regenerativen Wirtschaften. Da spreche ich von mehr als emissionsfreier Wirtschaft, von mehr als einer netto Null, sondern von einer Wirtschaft, die aktiv CO2 aus der Atmosphäre zieht. Genau da kann die Politik ansetzen und diese Agenda nach vorne tragen. Für diese Aufgabe stehen ihnen eine Vielzahl politischer und finanzieller Maßnahmen und Werkzeuge bereit. Da wäre ein erster Schritt natürlich, dass man Subventionen, die heute in klimaschädliche Industrien fließen, hernimmt und sie in nachhaltige Bereiche fließen lässt. Gleichzeitig kann und muss man dann eine CO2-Steuer nutzen, um Konzepte, die unsere Umwelt konkret schädigen, auch wirtschaftlich unattraktiv zu machen.

Aber zurück zum Anfang, es geht nicht nur um die Politik, es geht auch um uns als Individuen, um uns als einzelne Akteure der Gesellschaft. Es gibt eine ganze Reihe Maßnahmen die jede*r von uns ergreifen kann.

Wir sind alle Konsumenten, und unser heutiges System ist eines, dass sich an die Bedürfnisse und Wünsche der Konsumenten anpasst. Auch Politiker gehen zu gewissen Teilen auf die Bedürfnisse der Konsumenten ein. Das heißt, wir haben als Einzelne eine Menge an entscheidungsgebender Kraft.

Die Frage ist, denke ich hauptsächlich, was wir gemeinsam als Gruppe erreichen können, nicht eine Person alleine. Meine persönliche Handlung ist immer Teil des kollektiven Handelns. Wenn man so denkt und handelt, dann tun sich die Stellschrauben auf, die uns die Möglichkeit geben, die Gesellschaft weg von einem zerstörerischen, hin zu einem regenerativen System zu transformieren. Diese Veränderung, die braucht uns alle, nicht nur eine Handlungsebene. Wenn du mich jetzt fragst, was also die Politik tun kann, dann sage ich, dass sie vieles kann, aber sie auch nur ein Teil der ganzen Lösung ist.

Wir brauchen heute alle Wirkrichtungen top-down, bottom-up und middle-out.

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„My individual action can be part of a collective action, and that’s when we really make these substantial differences.“

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Wie man die alltägliche Bequemlichkeit überwindet

Frischmann: Nehmen wir jetzt das Beispiel Verkehr her. Das heißt, du nimmst zwangsläufig an, dass das Rad unbequem ist? Ich würde vielmehr sagen, dass Radfahren eine sehr nette Fortbewegungsmöglichkeit ist. Es gibt heute auf jeden Fall Situationen, in den es notwendig ist, das Auto zu nehmen.

Um an diesem Punkt eine Veränderung zu Bewirken, müssen wir unsere Stadtplanung grundlegend verändern. Um verkehrsbedingte Emissionen zu verringern, müssen wir urbane Räume schaffen in denen Strecken zu Fuß und mit dem Rad zurücklegbar sind. Um so mehr Möglichkeiten es gibt, Wege innerhalb der Stadt ohne Auto zurückzulegen, und umso einfacher es ist, diese Möglichkeiten auch zu nutzen, umso öfter werden sie auch von städtischen Bevölkerung angenommen.

In vielen Lebensbereichen, ich spreche da jetzt nicht ausschließlich vom Verkehr, stehen uns dank des technischen Fortschrittes viele Türen offen um den individuellen Ressourcenverbrauch und die damit verbundenen Treibhausgasemissionen zu minimieren.
In anderen Bereichen, wie beispielsweise der Energiewirtschaft, sieht dass ganze von Außen betrachtet oft anders aus. Aber die Vorstellung, dass du, wenn du in einem Sektor der Energiewirtschaft arbeitest und nur weil ein Transfer in der Nutzung von Energieträgern besteht, du nie wieder einen Job finden wirst, ist völliger Humbug. Dieser Übergang zwischen, nehmen wir an, der Arbeit in einem Kohlekraftwerk und der in einer Windfarm kann schwierig sein. An dieser Stelle des Übergangs da ist dann der Sozialstaat gefragt um diesen Wechsel gesichert ablaufen zu lassen.

Nehmen wir da zum Beispiel Deutschland her, da gibt es ja einen beschlossenen Kohleausstieg bis 2038. Heute arbeiten in Deutschland etwa 20000 Menschen in irgendeiner Form mit der Kohle als Energieträger. Weil aber die staatlichen Rahmenbedingungen in der Windenergie so ungünstig sind, hat man da 80.000 Arbeitsplätze verloren. Und jetzt ist man mehr besorgt über diese 20.000 als über die übrigen 80.000. Man hat für die erste Gruppe sogar einen eigenen Hilfsfond aufgesetzt. Ist das nicht Wahnsinn?

Wir dürfen nicht die partiellen Nachteile für einzelne Industrien sehen, sondern müssen die Wirtschaft als Ganzes betrachten. Dabei dürfen wir keinesfalls die großen wirtschaftlichen Changes übersehen.

Bei diesem Wandel dürfen wir niemanden zurücklassen, das heißt aber nicht, dass es unmöglich ist diesen Wandel zu vollziehen.

Leo Zirwes ist 18. Schüler. "Meistens Schüler". Also eigentlich "noch Schüler", wenn man´s genau nimmt.
Daneben beteiligt er sich an Fridays For Future und der einen oder anderen NGO im Rahmen von Umwelt- und Klimaschutz.
Was Leo Zirwes mag, ist es zu schreiben. Für Zeitungen oder den oekostrom AG-Blog.
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