Ressourcen – all das, was wir auf der Erde „haben“ – sind einer natürlichen Knappheit unterworfen. Das ist allen bewusst, zumindest heute, mit Ausnahme mancher Ökonom:innen und ihrem Paradigma des Wachstums ohne Grenzen. Wie man aber mit diesem Umstand umgehen möchte, das ist keiner (so) konkreten Determination unterworfen. Man kann darüber sprechen, diskutieren und wenn man einen Rückblick in die Ideengeschichte wirft, so sieht man, dass dem auch schon lange so ist. Johannes Schmidl hat in seinem Buch “Energie und Utopie” eine Betrachtung gewagt und sich 500 Jahre der Gedankenexperimente zur Lösung des Ressourcenproblems vorgenommen.  Johannes Schmidl hat Physik und Philosophie in Graz studiert, später technischen Umweltschutz in Wien. Beruflich setzt er sich mit erneuerbaren Energien und Abfallmanagement im In- und Ausland auseinander.

Wenn man den Titel deines Buches liest, dann fragt man sich, was Utopien sind.

Für Utopien gibt es komischerweise keine Definition. Historisch geht die Utopie auf Thomas Morus (1478-1535) zurück. Der hat in einer Zeit, in der die Europäer über die ganze Welt ausgeschwärmt sind und überall Inseln und Kontinente entdeckt haben, einen Roman geschrieben über Menschen, die irgendwo auf einer Insel leben und viel gescheiter sind als wir. Auf dieser Insel, da gibt es keinen Adel, es gibt nur radikale Gleichheit. Und diesen Roman, den hat er in einer Verballhornung des griechischen Utopia, also Nichtort genannt. Morus war hier satirisch veranlagt. Morus malte – rein auf Vernunftbasis aus – wie eine Gesellschaft aussehen könnte.

Was Utopien gemeinsam haben, ist, dass sie an gesellschaftlichen Problemen ansetzen. Die Utopie setzt dem etwas diametral Positives entgegen. Demgegenüber steht die Dystopie, die setzt dem (gesellschaftlichen Problem) etwas diametral Negatives entgegen.

Meistens werden Utopien als Erzählungen konstruiert. Da stellt also niemand ein Modell für eine Verfassungsreform hin, sondern sie schildern, wie meistens ein Europäer irgendwo hinkommt und sieht, wie toll das (dort in der Utopie) ist. Deswegen spielt sich das in den Erzählungen meistens auf Inseln ab. Nur bei den Dystopien ist es so, dass sich diese auf der ganzen Welt realisieren, das ist etwa bei Orwells 1984 so.

Und wenn man das alles eindampft, was ist dann die “Utopie”?

Sie ist ein vernunftbasiertes Gesellschaftsmodell – also nicht individuell orientiert – das aktuelle Probleme anspricht. Dabei wird oft auf das Skizzieren der Gesellschaftstransformation, also der Umsetzung dieses Modells, verzichtet.

Jetzt heißt dein Buch “Energie und Utopie”, verschmilzt also Natur- mit Geisteswissenschaft. Wo kommt die Energie her und wie ist sie in Utopien eingebunden?

Auch bei Morus findet sich schon ein Ansatz zur Energie. Utopia ist bei Morus ein Ort der erzwungenen Maßhaltung. Jeder arbeitet nur mehr 6 Stunden am Tag, hat nur mehr ein Gewand und bekommt zwei Mal am Tag eine warme Mahlzeit. Das war für Morus Zeit natürlich ein positiver Wandel. Dabei ist das Staatsziel die Muße. Wenn diese Bedürfnisse gedeckt sind, dann gibt es verordnete Muße, Philosophieseminare, Tanz, Bücherlesen, was auch immer. Spannend ist, dass Morus dabei schon den Rebound-Effekt löst, mit dem sich die Energiewirtschaft seit Jahrzehnten herumschlägt. Dabei ist es so, dass Effizienzgewinne durch Mehrverbrauch kompensiert werden. Das passiert etwa, wenn Motoren effizienter werden, der Sprit billiger wird und sich dann der Verbraucher denkt, da kann ich ja auch gleich ein SUV kaufen. Dadurch, dass er also Mehrproduktion unterbindet, indem er sie verbietet, löst er, ohne ihn zu kennen, den Rebound-Effekt.

Johann Adolph Etzler hat 1833 seine Utopie auf erneuerbaren Energien aufgebaut und das zu einer Zeit, als es den Energiebegriff noch gar nicht gab. Er denkt sich, dass man nur moderne Maschinen bauen muss, die Wasser, Wind und Sonne nutzen können und so der Plackerei der Kohlegewinnung ein Ende setzen.

Johannes Schmidl

Energieexperte, Physiker und Autor

Und wie geht es nach Morus weiter?

100 Jahre nach Morus tritt Francis Bacon mit “Nova Atlantis” auf den Plan. Der ist schon ganz in der Euphorie der Naturwissenschaft drinnen. Die Insel von Bacon ist eine des Überflusses, denn die Natur spendet nach seiner Auffassung alles im Überfluss. Wir sind, so er, bisher nur nicht in der Lage gewesen, das zu nutzen. Bacon sagt, dass die versäumten Möglichkeiten der Naturwissenschaften die Wurzel allen Übels sind. Das ist der Strang, dem das Abendland mehr gefolgt ist, mehr als Morus.

1771 tut sich dann etwas bei der Art der Utopie und Louis-Sébastien Mercier entwickelte die Zeitutopie. Utopien waren bis dahin Ortsutopien, sie spielten sich an anderen Orten, wie erwähnt, meistens Inseln ab. 20 Jahre vor der Französischen Revolution sagt Mercier, man soll nicht auswandern, sondern hier und jetzt etwas verändern und erschafft so die Zeitutopie. Das haben sie dann auch gemacht (lacht).

Eine Gruppe, die dann ziemlich wichtig ist, sind die sogenannten utopischen Sozialisten. Die kommen so in etwa eine Generation vor Marx auf. Die utopischen Sozialisten sehen das Proletariat, das von der Hand in den Mund lebt, sehen auch die ständig laufenden Maschinen und fragen sich, warum es den Menschen trotz industrieller Produktion nicht besser geht.

Wirkungsmächtig tritt dann Thomas Malthus auf – der ist zwar nicht wirklich ein Utopiker – hat aber mit seinem Essay “Principles of Population” viel verändert. Malthus sagt, dass irgendwann die Nahrungsmittelproduktion nicht mit dem Bevölkerungswachstum mithalten kann und notwendigerweise Menschen verhungern müssen. Damit hat er den Manchester Liberalismus beeinflusst und wahrscheinlich auch die britische Einstellung gegenüber dem Ausfall der Kartoffelernte in Irland geprägt. Wichtiger noch ist bei Malthus aber, dass er widerlegt worden ist. Er hat zwar als erster direkt auf die Ressourcenknappheit hingewiesen, man hat es aber durch Innovationen geschafft, die Produktivität zu erhöhen und so ist irgendwie in die Köpfe gekommen, dass man jede Knappheit durch Innovationen beseitigen kann. Dass es für jegliches Knappheitsproblem keine Politikgestaltung braucht, sondern bloß Innovationen, ist ein Irrtum, der auf die Widerlegung von Malthus zurückgeht.

Gibt es auch den Fall, dass sich das Denken eines Utopikers ganz praktisch in der Naturwissenschaft niedergeschlagen hat oder der naturwissenschaftlichen Forschung vorgegriffen hat?

Ja, den gibt es. Johann Adolph Etzler hat 1833 seine Utopie auf „erneuerbaren Energien” aufgebaut und das zu einer Zeit, als es den Energiebegriff noch gar nicht gab. Der ist erst später aufgekommen. Man hat zu dieser Zeit auch den Energieerhaltungssatz noch nicht gekannt. Man hatte Dampfmaschinen, hat aber noch keine Thermodynamik gehabt, die Physik hat sich eigentlich erst entwickelt, um die Maschine zu verstehen und um zu wissen, wie man sie verbessert. Da war die Erfindung vor der Theorie da. Etzler stammt aus Schlesien und sieht dort, wie die Arbeiter in den Kohlegruben verelenden und denkt sich, dass das Endergebnis der Dampfmaschine ja eigentlich nur ein “drehendes Radl” ist. Und eigentlich, da kann der Wind und da kann das Wasser das auch. Etzler denkt sich jetzt, dass man nur moderne Maschinen bauen muss, die Wasser, Wind und Sonne nutzen können und so der Plackerei der Kohlegewinnung ein Ende setzen. Etzler wandert in die USA aus und schickt dort seine Utopie “Das Paradies” an den Präsidenten und den Senat. Er gründet sogar eine Kommune, in der er seine Utopie erprobt. Es gelingt natürlich nicht alles. Etzler ist aber auch bewusst, dass die Sonne nicht immer scheint und der Wind nicht immer weht, sie also nicht immer Energie liefern können. Deswegen entwickelt er in Gedanken einen Pumpspeicher (er spricht in der wissenschaftlichen Sprache seiner Zeit von einem Speicher zur “Kraftversorgung”). Er denkt an ein Reservoir, das etwas höher gelegen ist und in das Wasser gepumpt wird, wenn es überschüssige Energie gibt. Der erste Pumpspeicher, der wird dann ca. 1890 gebaut. Etzler hat durch bloßes utopisches Denken diese Entwicklung vorweggenommen.

Wie sieht es denn in der jüngeren Vergangenheit aus, welche Utopien kann man entdecken, was ist prägnant gewesen, vielleicht auch bis heute prägnant geblieben?

Ernest Callenbach versucht 1975 wieder eine Insel zu erdenken. Der Nordwesten der USA spaltet sich vom Rest des Landes ab und grenzt sich vom „American Way of Life” ab. Es gibt da keine Verbrennungsmotoren mehr, keinen privaten Autobesitz, aber Hochtechnologie mit Magnetschwebebahnen und U-Bahnen, die für jeden kostenlos sind. Also sehr viel Kollektivismus, aber trotzdem ein gutes Leben. Und halt ökologisch verträglich. Das Ganze nennt er „Ökotopia”. Kurzum: Hochtechnologie kombiniert mit bescheidener Lebensweise. Das kann man in der Gegenwart empfehlen, dass man sich das anschaut, dass man sich das überlegt. Also, dass ich mir anschaue, wie ich mit Hightech zu dem Punkt hinkomme, aber gleichzeitig nicht prasse und mir ein Privatflugzeug leiste, weil ich das Geld beieinander habe. Wenn mich wer nach einer positiven Utopie fragt, dann sag’ ich schau dir mal den Callenbach an.

Wie schlagen sich die Utopien und die mit ihnen verbundenen Ansätze auf den Ressourcenverbrauch von Gesellschaften und ihr Verhalten nieder?

Mit zunehmendem Ressourcenverbrauch steigt bis zu einem gewissen Punkt die Lebensqualität an, das sieht man, wenn man den Human Development Index mit dem Primärenergieverbrauch abgleicht. Bis zu einem gewissen Punkt, da bringt ein zusätzlicher Ressourcenverbrauch noch messbar etwas. In den USA gibt es, grob gesagt, den doppelten Energieverbrauch wie in Europa. Jetzt leben die aber nicht doppelt so gut. Und werden auch nicht doppelt so alt. Und dann fragt man sich, wieso braucht’s das? Dann kommt man eben auf so Dinge wie den öffentlichen Verkehr, eine gewisse Individualisierung, also, dass nicht jeder in seinem Einfamilienhaus am Rand der Stadt leben muss. In Europa ist der Platz normalerweise begrenzt und in den USA meistens eher unbegrenzt. Wenn man jetzt das Energie- und CO2-Problem lösen will, etwa mit einer Utopie, dann muss ich mich damit befassen. Man muss sich da Gesellschaften ansehen. Und diese Gesellschaften werden durch den Human Development Index und den Ressourcenverbrauch abgebildet, nicht Individuen.

Wie kommuniziert man Utopien am besten, wie verbreitet man die Gedanken, die in ihrer Summe eine Utopie bilden?

Man braucht da utopische Bilder und Erzählungen und das machen die meisten Utopien auch. Die motivieren, inspirieren und wecken das Begehren, das zu machen. Die Erzählung, wie das ausschauen kann, ist besser, als wenn ich sage, ich muss das und das Gesetz so und so ändern.

Was es auch braucht – das ist, denke ich, eine Lehre aus dem 20. Jahrhundert – ist ein gewisser Pluralismus, dass man das auch ausprobiert. Und zwar mit der Option, dass man da wieder zurückgehen kann, wenn das nicht funktioniert.

Macht utopisches Denken Angst, ist utopisches Denken gar gefährlich?

Es ist gefährlich und notwendig. Das ist eine schöne Antwort. Mit Paul Valéry könnte man sagen: “Zwei Gefahren bedrohen die Welt: die Ordnung und die Unordnung”. Das kann man bei den Utopien auch sagen, dass das utopische Denken, aber auch das Denken ohne Utopien die Welt bedroht. Man weiß inzwischen schon, dass gewisse Dinge nicht funktionieren oder in Katastrophen münden. Das ist etwa dann so, wenn man das Ganze doktrinär aufsetzt, wie etwa in der Sowjetunion oder im maoistischen China oder jetzt Russland, das ist eine Retrotopie.
Man muss die Chance und die Gefahr der utopischen Insel erkennen. Das ist einmal die Insel der Exklusion, gehe ich wohin, wo das Leben noch gut ist? So wie etwa bei Trump. Der wollte ja auch Grönland von Dänemark kaufen, weil er weiß, wenn das Leben herunten, im Rest der Welt so heiß ist, dass man es nicht mehr aushält, ja dann geht’s da oben immer noch. Da wachsen dann die Erdäpfel, man kann alles anbauen, genug Wasser gibt es auch, bis der Gletscher da abgeschmolzen ist, vergehen noch ein paar tausend Jahre. Und vor allem: man kann die Anderen draußen halten. Das ist dann exklusiv, etwa für Milliardäre. Dann brauche ich keinen gesellschaftlichen Wandel. Wenn ich weiß, ich wandere aus auf die “Insel der Exklusion”, das heißt, ich lasse die anderen draußen und suche mir einen Platz aus, wo es noch gut sein wird, wo es noch lebbar ist. Das sieht man ja auch andernorts. In vielen Teilen der Welt hat man ja die Idee, dass man gegen Migranten irgendeine Art von Mauern baut.

Die andere Insel ist die Insel der Nachhaltigkeit. Die findet man bei Callenbach, aber auch bei anderen, etwa Wissenschaftlern der TU Graz aus den 90er-Jahren. Da sagt man, wir zeigen und probieren im Kleinen, wie das funktionieren kann und schauen dann, dass sich das Wissen globalisiert.

Utopien mögen nicht immer für alle gleich “angenehm” sein, wenn das überhaupt das in diesem Kontext treffendste Adjektiv ist. Wenn man nun also eine Utopie hat und der Entschluss steht, dass man die betreffende Utopie auch umsetzen möchte – wie geht man das dann konkret an?

Um normative Einschränkungen wird man nicht herumkommen. Ich kann das nicht mit freiwilligen Maßnahmen machen. So hätte man kein einziges Umweltproblem der letzten 50 Jahre lösen können. Angefangen bei den FCKW-Gasen oder auch die Papierindustrie, die die österreichischen Flüsse in Kloaken verwandelt hat. Wenn man denen gesagt hätte, ja schaut’s euch das einmal an, dann hätten wir heute den Dreck noch überall. Es gibt bei den FCKW-Gasen mit dem Montreal-Protokoll überhaupt ein Totalverbot. Dann sieht man, dass sich jemand Gedanken macht und heute ist man in Österreich Pionier, etwa bei den Entstickungs- und Entstaubungsanlagen für die Industrie, da gibt es heute etwa im Innviertel ein tolles Unternehmen (Scheuch), das war damals als eines der ersten dabei und verkauft heute seine Anlagen in die ganze Welt.

Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um utopisch zu denken? Ist vielleicht jede Zeit eine Zeit für Utopien oder ist dem nicht so?

Ich weiß nicht, ob jede Zeit gut für Utopien ist. Wenn es so ist, wie ich mir das denke, dass also jede Utopie ein gesellschaftliches Problem braucht, an dem sie ansetzt, dann haben wir das jetzt. Insofern kann man sagen: “it’s a good time”.