Einatmen. Ausatmen.

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31. März 2020: Ein Gedicht von Ernst Merkinger.

Ich sitz daheim in Quarantäne,
frag´ mich: „Wie nähr´ ich am Besten meine Seele?“
Meditation soll bekanntlich Körper, Seele, Geist zentrieren.
Gut, gut, gut … dann lass es mich institutionalisieren.

Ein- und Ausatmen. So ist´s prinzipiell handzuhaben.
Ich hoff´ Körper, Seele, Geist werden sich vertragen.
Aja, Ein- und Ausatmen. So soll ich’s tun,
damit ich zur Ruh komm´, sonst ist vorerst nichts zu tun.

Einatmen.
Ausatmen. Einatmen. Ausatmen …

So sitz ich hier auf meinem Kissen,
denk´ auch: „Ja, dieser Coronavirus ist wahrlich beschissen!“
Boris Johnson und Tom Hanks sind infiziert,
Trump und Bolsonaro agieren weiterhin ungeniert.

Ein paar Gfrastsackln ham´s noch immer nicht verstanden,
treffen sich im Garten mit Verwandten.
Die Wirtschaft stößt an ihre Grenzen.
Schüler müssen gar die Schule schwänzen.
Was soll man sagen? Was soll man tun? –
Aja, am Besten ist’s vorerst mal in sich zu ruh´n.

Einatmen.
Ausatmen. Einatmen. Ausatmen …

Achja, stimmt! Zum Meditieren hab ich mich ja hingehockt.
Schon wieder ich hab den Spirit des Meditierens verbockt!
So sitz ich wieder still nun hier,
der nächste Gedanke nicht weit von mir,
klopft an, zieht weiter, kommt wieder her.
Das gibt’s doch nicht: „Immer dieser Gedankenverkehr!?“

Einatmen.
Ausatmen. Einatmen. Ausatmen …

Witz und Humor hilft an solchen Tagen,
Erheiterung löst Verzagen.
Die beiden Kerle beseelen und entfesseln uns sehr,
ich fühl mich freier und ein Mehr.
Kein Mehr an Materiellem, aber dafür ein Mehr an Klarsicht und Freude,
das Fundament vom menschlichen Gebäude.
Die Wahrnehmung wird durch beobachtende Gelassenheit geschärft,
das Sosein hinnehmen den Trübsinn entschärft.

Einatmen.
Ausatmen. Einatmen. Ausatmen …

Ja, das Einatmen, Ausatmen gelingt immer besser.
Ein Einkehren in ruhigere Gewässer.
Wobei … ah, da ist noch ein Gedanke.
Ah, das ist noch ein Geschwanke. –

Kurz später ist auch das vorbei. –

Ich hab das Gefühl … nein, ich bin frei.
Es entsteht ein Sein im Moment.
Ein Hier und Jetzt. Bedingungslos. Ungehemmt!

Einatmen.
Ausatmen. Einatmen.
Ausatmen.
Einatmen.
Ausatmen. Einatmen.
Ausatmen …

Im Jahr 2016 ging Ernst Merkinger von Pamplona nach Finisterre, 2017 viereinhalb Monate lang zu Fuß von Wien nach Marrakesch und 2018 vom Gletscher bis zum Meer. Der Weitwanderer, Autor und selbsternannte „Rotzbua“ hat durch seine Fußmärsche nicht nur die Faszination des Gehens, sondern auch die Begeisterung des Schreibens für sich entdeckt.