#kinodenktweiter: Interview mit Wiktoria Pelzer

WiktoriaPelzer

24. Jänner 2021: Wiktoria Pelzer ist Programmleiterin des Stadtkinos im Künstlerhaus. Darüber hinaus kuratiert sie verschiedene Schwerpunkte im Gartenbaukino. Einer davon ist das 2016 gestartete Projekt #kinodenktweiter. Neben Filmen und Veranstaltungen zum Themenfeld Umwelt und Klimaschutz geht es da aber auch darum, das Kino an sich „grüner“ zu machen. 

In den gruenen g‘schichten umreißt die Wienerin mit polnischen und Stuttgarter Wurzeln derzeit im Gartenbaukino Idee und Hintergrund des Projektes. Hier, im Blog-Interview analysiert und erklärt sie die Details, Hintergründe und ihre Motivation, in einem Kino mehr als Lichtspielhaus zu sehen. Die Fragen stellte Tom Rottenberg.

#kinodenktweiter heißt dein Kino-Umwelt-Projekt im Gartenbaukino. Aber Hand aufs Herz: Wenn ich an Kino denke, denke ich an Vieles, aber eher nicht an Ökologie, Umwelt- oder Klimaschutz. Was kann Kino – außer Ökofilme zu zeigen – groß für das Klima tun?

WIKTORIA PELZER: Dieses Projekt hat sich aus einem ganz persönlichen Anliegen heraus entwickelt. Wenn man beginnt, sich privat mit einem Thema auseinanderzusetzen, möchte man meist auch, dass es im Beruflichen Platz bekommt. Ich glaube, dass das Klimathema und Film und Kino viel miteinander zu tun haben. Einerseits als Antagonisten, weil die Filmproduktion ein großer Klimasünder ist. Wenn man überlegt, was Filmstudios an Strom, an Ressourcen, verschwenden, ist das ein Punkt, über den man nachdenken müsste. Ist das wirklich nötig? Kann man das vielleicht anders machen?

Und das andere, was für mich wichtig ist: Es ist Kino. Das Medium, mit dem man viele Orte erreichen kann, an die man sonst nicht reisen würde. Und Geschichten kennenlernen kann, die man sonst nicht kennenlernen würde. Film hat den Vorteil, dass er die Möglichkeit gibt, Einblicke zu gewähren – mit Bildern eine Emotionalisierung schafft. Deswegen finde ich, ist das Medium ganz toll – auch um über Klima und Umweltfragen zu sprechen.

Heißt das, du versuchst, wenn ich es bewusst überzeichne, von den Klimasünden des Filmemachens abzulenken indem du zeigst, was Film und Kino an Bewusstsein vermitteln? Eine Greenwashing-Aktion also?

Nein, das ist sicher keine Greenwashing Aktion. Wir wollen auch auf das hinweisen, was schlecht ist und wo Veränderungen unbedingt nötig sind. „Green Filming“ ist ja in den letzten Jahren immer mehr Thema geworden. Aber das Kino an sich ist auch ein Thema: Auch hier ist, wie bei den Filmproduktionen, der Energieverbrauch enorm. Deswegen gab es für uns die Fragestellung: Was können wir besser machen? Ganz konkret. Wie können wir weniger Energie verbrauchen? Können wir das Kinoerlebnis nachhaltiger gestalten?

Für mich hat sich aber auch herauskristallisiert, dass es immer wichtiger wird, nicht nur das Medium, sondern auch den Raum – das Kino – für Aufklärung, für Bewusstmachen und Beschäftigung mit dem Thema einzusetzen. Deswegen ist #kinodenktweiter für mich so essenziell. Auf der einen Seite steht das, was man als Kino an kleinen Schritten machen kann. Auf der anderen das Informieren, das Drüber-Reden. Das Auf-die-Bühne-holen von Klimaaktivist*innen. Also das Nutzen von Reichweite.

Ein geradezu klassisches Dilemma: Um zu informieren, muss ich investieren. Also Ressourcen verwenden, die ich doch schützen will. Aber: Was können Kinobetreiber denn tun? Was sind die Maßnahmen, die kleinen Schritte?

Der erste wichtige Schritt war es, zu einem ökologischen Stromanbieter zu gehen. Dann kam unser Hauptproblem: Ressourcenverschwendung. Natürlich sollte man komplett auf LEDs umsteigen. Es ist mittlerweile fast fad, das zu sagen, weil es ist – glaube ich – angekommen. Aber es geht immer noch darum, den Strom- und Energieverbrauch niedrig zu halten. So ein Projektor verbraucht wahnsinnig viel Energie. Es gibt auch Vorstöße in Richtung Laser-Projektoren, die umweltfreundlicher sein werden – aber der Strom. den wir verbrauchen, sollte zumindest sauber sein.

Ich finde aber auch, dass solche Signale wie das Rausnehmen der PET-Flaschen aus den Bar-Regalen wichtig sind. Das hat Signalwirkung. Das fällt auf. Das regt zum Denken an. Deswegen haben wir uns auch mit anderen Bereichen im Gartenbaukino beschäftigt. Was bedeutet dies, was folgt auf jenes? Was haben wir für ein Müllaufkommen? Wie gehen wir mit Getränken und Snacks um? Die Energie im Kino? Ich glaub nicht, dass wir super sind. Aber ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg.

Gab es da im Gartenbaukino Aha-Erlebnisse für euch?

Ja, das war tatsächlich die LED-Umstellung. Wenn man sich den Gartenbaukino-Saal vorstellt: Dort brennen weit über 300 Glühbirnen. Das ist Teil der architektonischen Idee, des Wirkens. Und: Ja, das ist total schön. Aber es verbraucht unfassbar viel Energie. Das ist ein Punkt, wo wir richtig einsparen können. Anfangs war es mit der Bar auch schwierig: Wie stellt man von PET auf Flaschen um? Was auch ein Riesenpunkt war: Wir hatten immer die Situation, dass man aus Glasflaschen in Wegwerf-Plastikbecher umgefüllt hat. Da kam die Umstellung auf wiederverwendbare Plastikbecher: Da hatten wir plötzlich nicht mal mehr die Hälfte von unserem Müll. Die Hälfte! Das hat einen Rieseneffekt gehabt.

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Wiktoria Pelzer im Video-Interview mit Tom Rottenberg.

Aber rechnet sich das? LEDs sind schließlich teurer als Glühbirnen. Und die kriegt man ja noch.

Teurer in der Anschaffung. Aber sie brennen viel länger und brauchen weniger Strom: Ja, es rechnet sich – und wie!

Gibt es Zahlen?

Ich habe die genaue Zahl nicht vor mir, aber sie ist richtig hoch. Ich glaube über 50 Prozent. Es ist wirklich sehr, sehr relevant. Klar, am Anfang steht immer die Frage, ob man alles auf einmal umstellt. Aber uns war klar, dass das schrittweise passiert: Wenn Lampen ausfallen, werden sie ausgewechselt. Einfach alle Lampen wegzuschmeißen wäre ja auch nicht nachhaltig, eine sukzessive Umstellung ist es aber sehr wohl.

Bekommt das Publikum sowas überhaupt mit?

Der allercoolste Moment war, als wir das mit den Plastikbechern umgestellt haben. Das war schon 2016. Da haben wir im September einen #kinodenktweiter-Monat ausgerufen, wo wir auch auf das hingewiesen haben, was wir hier machen. Da haben wir einen Monat lang sogar unseren Müll gewogen, um festzustellen, wie viel Müll produzieren wir eigentlich? Und da haben wir dann bei einer Sonderveranstaltungen das erste Mal gesagt: „Wir bitten Sie um Mithilfe bei dieser Sache mit den Bechern. Bitte bringen Sie die Becher zurück zur Bar. Auch die Flaschen.“ Ganz im Ernst: Die Leute haben applaudiert. Das war ein Wow-Moment. Wir haben gespürt: Es ist nicht egal. Die Leute finden das super. Wenn man sie involviert, löst es was aus.vAlso das waren die ersten Reaktionen, danach kam, dass die Veranstaltungen gut angenommen wurden. Da gab es immer viel Feedback. Dass es toll ist, dass es das gibt. Weil man hier auch eine Möglichkeit hat, sich zu vernetzen und auszutauschen. Auch deshalb glaube ich, dass das etwas bewirkt hat. Und darüber hinaus hatte es Vorbildcharakter. Weil andere Häuser sich sagten: Okay, das Gartenbaukino traut sich, vielleicht versuchen wir auch mal gewisse Schritte. Ursprünglich hatte ich vor, den #kinodenktweiter-Hashtag für alle Kinos gemeinsam zu nutzen. Aber dieses Miteinander hat sich noch nicht richtig durchgesetzt. Das hat auch ein bisschen mit der Kinolandschaft zu tun: Manchmal arbeitet man gut miteinander, aber eben nicht immer. Aber es auch andere Kinos, die da sehr viel machen, zum Beispiel das Schubert Kino in Graz. Die sind sogar EMAS zertifiziert. („Eco Management & Audit Scheme“, ein EU-Umweltgütesiegel für Unternehmen, Anm.) Das ist wirklich fantastisch.

Was passiert noch bei #kinodenktweiter? Energiesparen, Müllreduktion – aber es gibt ja auch Veranstaltungen.

Die Veranstaltungen waren mir immer sehr wichtig. Natürlich weil Filme gespielt werden, die das Thema transportieren. Klar: Es ist ja Kino. Es gab aber auch Veranstaltungen, wo der Gast oder die Gästin im Fokus gestanden sind. Wo es darum ging, ein Thema über die Person in den Vordergrund zu stellen und diese Bühne zu nutzen: Das Gartenbaukino ist ein Ort, den viele Leute kennen. Mit dieser Bekanntheit kann man arbeiten. Es ging immer auch darum, diese Bühne zu geben.

Nur: Wenn man sich ökologische Filme oder Filme über Klimathemen anschaut, sitzt man am Ende oft da und weiß nicht, was man damit anfangen soll. Weil sie überwältigend sind, weil sie deprimieren können, weil sie dazu führen, dass man sich nicht mehr in der Lage fühlt, irgendetwas zu tun. Mir war es immer wichtig, das nicht umzuinterpretieren, aber doch Wege zum Publikum selbst zu schaffen. Nicht nur die Frage „Was hat das mit mir zu tun?“ zu stellen, sondern auch: „Was hat das mit dem politischen System zu tun, in dem wir leben?“.

Oft geht es bei solchen Filmen dann darum, was der oder die Einzelne tun kann oder soll. Aber mit der immer größeren Zuspitzung der Klimakrise wird mir das irgendwie immer weniger wichtig. Weniger „Verwende den Bio-Strohhalm statt dem Plastik-Strohhalm“, als der Übergang zur politischen Ebene. Bei den letzten Veranstaltungen haben wir auch immer mehr Aktivist*innen und politische Köpfe auf die Bühne gestellt, um das zu unterstreichen.

Wohin geht die Reise sobald Kinos wieder aufsperren? Was sind die Pläne?

Ich haben einen Wunschgast: Naomi Klein. Mit ihrem Buch „New Green Deal“ ist sie aber schon im Vorjahr durch Deutschland getourt, da war es leider ein bisschen zu spät, sie auch nach Wien holen. Und klar, wir habe den Film „Greta“ gestartet. Natürlich wäre es mein Riesenwunsch, Greta Thunberg für eine solche Veranstaltung nach Wien zu holen. Wenn schon nicht persönlich, dann digital. Aber im Moment ist nichts planbar, zumindest nicht richtig. Man rennt los und merkt: Okay, keine Chance. Eben weil alle Kinos zu sind und man keine wirkliche Perspektive hat, wann sich das wieder ändert. Trotzdem arbeite ich mit einem tollen Team an einem Projekt, das sich „Future X Days“ nennt. Das soll ein Festival sein, wo Film, Podiumsdiskussionen und Workshops zentrale Bestandteile sind und NGOs und Initiativen vernetzt werden. Aber wir haben derzeit die Erwartungen an uns selber ein wenig zurückgeschraubt. Eben weil Planung im Moment so schwierig ist. Trotzdem: Es gibt diesen Plan. Und das wird dann etwas Großes werden.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.