Unverpackt geht’s besser

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17. März 2020: Das Prinzip ist einfach: Man nimmt ein leeres Marmeladeglas mit (oder borgt sich vor Ort eines aus), wiegt es ab (oder es ist schon abgewogen) und befüllt es mit Reis, Hirse, Müsli, Trockenfrüchte und vielen anderen Spezialitäten. Dann wird das Glas samt Inhalt an der Kassa abgewogen, das Eigengewicht des Behälters abgezogen, fertig. Wer keinen eigenen Behälter dabeihat, kann verschließbare Gläser oder Papiersackerl kaufen oder sogar ausborgen. Wiederkommen macht ja Sinn, denn das Einkaufserlebnis ist hier ganz anders als im Supermarkt.

Pioniergeist
Die Vorteile von unverpackt einkaufen liegen auf der Hand: regionale und saisonale Produkte von Bauern- und Biohöfen, weniger Verpackung, kurze Transportwege. Upps: Und was ist mit den frischen Avocados, die ich in der Warenhandlung entdecke (und davor schon lange nicht mehr gekauft habe). „Die hat eine Kundin aus Spanien mitgebracht“, sagt mir Stephanie Wanits, die gemeinsam mit ihrer Schwester Christiane Wenighofer-Wanits, die Warenhandlung im 3. Wiener Gemeindebezirk ins Leben gerufen hat. Ihre Vision: Zero Waste, aber schrittweise. „Wir wollten nicht zu radikal starten, denn die meisten Menschen sind noch nicht bereit, komplett verpackungsfrei zu leben. Auf Verpackung gänzlich zu verzichten, bedarf Organisation, Zeit und teilweise Einschränkungen. Wir finden, viele kleine Schritte sind nachhaltiger als ein großer.“ Die beiden Schwestern sind guter Dinge und inspirieren ihre Kunden, das eigene Einkaufssackerl mitzunehmen, das ganze Gemüse in eine Tasche zu packen, mit Tupperwareboxen für Wurst und Käse anzutraben. Und den eigenen Kaffeebecher mitzubringen, wenn es schon ein Coffee-to-go sein soll. Ein Coffee-to-stay macht allerdings mehr Sinn, finde ich, denn die Warenhandlung hat neben ein paar Sitzplätzen in den Fensternischen einen großen Tisch, an dem man seinen Kaffee genießen kann. Und auch gleich mit Gleichgesinnten ins Reden kommt. „Immer mehr Kunden gewöhnen sich um. Und das finden wir großartig und wirklich schön,“ sagen die beiden unisono. Immer mehr Kunden – das sind meist jüngere Menschen, die mit einem großen Umweltbewusstsein ausgestattet sind und Veränderung für möglich halten, beziehungsweise, etwas dafür tun.

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Abfallvermeidung schmeckt
Großes Vorbild für die Unverpacktläden war und ist die Zero-Waste Bewegung. „Bei der Beschäftigung mit „Zero waste“ in der Praxis haben wir bemerkt, wie schwierig es ist, verpackungsfrei einzukaufen. Wir wollten das besser, einfacher machen“, so Stephanie Wanits. Der Gründerin des ersten verpackungsfreien Ladens Österreichs Andrea Lunzer kam die Idee während ihrer Tätigkeit bei „Zurück zum Ursprung“. Dass beste Bioprodukte in Plastikfolie verpackt wurden, hat sie nicht verstanden. Mit ihrer Lunzers Maß-Greißlerei hat sie bereits 2014 den Schritt gewagt, den Unverpacktläden den Weg zu öffnen. Mehrweg statt Einweg ist ihr starkes Motiv, den Unverpackt-Gedanken zu transportieren. Statt im Bio-Großmarkt kauft Andrea Lunzer lieber bei regionalen Landwirten und kleinen Produzenten ein, die hervorragende Lebensmittel herstellen und mit denen sie in persönlichem Kontakt steht. Das Gemüse stammt sogar aus der familieneigenen Landwirtschaft.
Einwegverpackungen waren Andrea Lunzer schon immer ein Dorn im Auge. „Es geht nicht darum, wie nachhaltig eine Verpackung ist, sondern darum, ob ich sie überhaupt brauche,“ so die begeisterte Verpackunsgvermeiderin.

Mit Maß zum Genuss
Und noch etwas zählt: Die Unverpacktläden schließen für mich an das Gefühl „Weniger ist mehr“ an. Man kauft, das, was man braucht, nicht mehr und nicht weniger. Nicht auf Vorrat, nicht weil die doppelte Menge gerade im Angebot ist. Das macht einem bewusst, wie viel man wirklich braucht. Und freut sich über die guten Dinge, die einem in den Unverpacktläden angeboten werden. Ich schwärme jetzt noch von dem Fisch, den ich mir zu Weihnachten gegönnt habe.

Inspiration und Adresslisten findet ihr bei Zero Waste Austria oder EinfachZeroWasteLeben!.

Unverpacktläden in Wien:
Lieber Ohne in 1060 Wien
Der Greißler- unverpackt.ehrlich in 1080 Wien
Die Warenhandlung in 1030 Wien
Lunzer’s Maßgreißlerei in 1020 Wien
Die Füllbar in 1070

Weitere Läden:
• Graz: Das Gramm
• Hohenems: FRIDA BIOLADEN – CAFÉ
• Innsbruck: Liebe und Lose

Gabi Weiss lebt und arbeitet als Texterin, Journalistin und Autorin in Wien. Sie verfasst Reportagen und Menschenportraits, schreibt Fachbücher, meist für den Brandstätter Verlag, ist Chefredakteurin für zwei Unternehmens-Magazine, findet die Sprache für nationale Unternehmen, bringt das zum Ausdruck, was sie ausmacht. Und liebt Mann und Hund, mit denen sie am liebsten im Wald herumtobt.
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