Arche Noah-Geschäftsführer Volker Plass über Biodiversität und die Klimakrise

ARCHE NOAH Geschäftsführer Volker Plass im Saatgutarchiv in Schiltern © Rupert Pressl
ARCHE NOAH Geschäftsführer Volker Plass im Saatgutarchiv in Schiltern © Rupert Pressl

5. April 2022: Etwa eine Million von insgesamt ca. 8 Millionen Pflanzen- und Tierarten sind vom Aussterben bedroht. Wissenschaftler:innen sprechen vom sechsten „Massenaussterben“ der Geschichte. Der Verein ARCHE NOAH bewahrt und pflegt tausende gefährdete Gemüse-, Obst- und Getreidesorten in Schiltern bei Langenlois, damit diese wieder in Gärten und auf Märkten vorzufinden sind. Geschäftsführer Volker Plass gibt im Interview einen Einblick, warum er eine Chance des Wandels sieht, welche politischen Maßnahmen konkret getroffen werden müssen und warum es einen großen Unterschied macht, ob man im Supermarkt nebenan oder im Online Shop von ARCHE NOAH Samen einkauft. ARCHE NOAH versorgt uns nicht nur mit Saatgut, sondern auch mit Zuversicht und Hoffnung.

Herr Plass, warum ist Biodiversität so wichtig? 

Ökosysteme funktionieren, weil die Evolution Millionen Jahre lang Zeit hatte, ein überaus komplexes und für den jeweiligen geografischen Raum optimales Zusammenspiel von unzähligen Tier- und Pflanzenarten entstehen zu lassen. Gleichzeitig hat der Mensch mit den unzähligen verschiedenen Nutzpflanzarten und -sorten auch selbst biologische Vielfalt geschaffen. Probleme gibt es dann, wenn durch Eingriffe des Menschen entweder einzelne Komponenten des Systems zerstört werden und daraus negative Folgen für andere Teile des Systems resultieren oder wenn die Resilienz des Gesamtsystems durch eine Reduktion der Vielfalt herabgesetzt wird. Industrielle „Agrarwüsten“, die heute große Teile der europäischen Landschaften prägen, bringen beide Gefahren mit sich.

Biodiversität im Sinne von Nutzpflanzen-Vielfalt ist in vielfacher Hinsicht wertvoll: Nicht nur, weil wir durch den großen Schatz unserer genetischen Ressourcen in Zukunft auch einen großen „Werkzeugkasten“ für die Herausforderungen veränderter Umweltbedingungen haben – Stichworte: Klimawandel, neue Krankheiten oder Schädlinge.

Wir wissen heute noch nicht, welche Sorten in 20 oder 30 Jahren am besten gedeihen werden, und je vielfältiger wir hier aufgestellt sind, umso sicherer sind auch die Erträge für unsere Ernährung sowie den wirtschaftlichen Erfolg der Betriebe und umso unabhängiger sind wir auch von der Marktmacht großer Saatgut- und Agrochemie-Konzerne.

Darüber hinaus ist die Nutzpflanzenvielfalt aber auch etwas sehr Schönes: Vielfalt ist Genuss und Lebensqualität in unserer Küche und auch Teil unserer kulturellen Traditionen. Die Geschichte der Kulturpflanzen ist eine gemeinsame Geschichte von Menschen und Pflanzen.

Die Pflanzen, die uns ernähren, prägen uns. Typische Gerichte, Bräuche, Feste, Traditionen und lokales Wissen gehen verloren, wenn die alten Sorten verschwinden.

Wie würden Sie jemandem erklären, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob man Samen für das kommende Frühjahr beim Supermarkt um die Ecke oder bei Ihnen in Schiltern kauft?

Da privates Gärtnern und Selbstversorgung im Trend liegen, haben auch die Supermärkte mittlerweile das übliche Gemüse-Saatgut im Programm. Trotzdem sprechen drei wesentliche Gründe für einen Einkauf bei ARCHE NOAH:

Erstens bieten wir ein sehr großes und auch ständig wechselndes Angebot an ausgefallenen Sorten-Raritäten an, die man sonst nirgendwo bekommt.

Früchte der Vielfalt. Foto: ARCHE NOAH / Schiltern
Früchte der Vielfalt. Foto: ARCHE NOAH / Schiltern

Zweitens ist unser gesamtes Saatgut bio-zertifiziert, wissenschaftlich auf seine Gesundheit sowie Keimfähigkeit getestet und „samenfest“. Sie kaufen bei uns also nicht bloß Saatgut für die heurige Saison, sondern Sie können aus den geernteten Früchten wieder neue Samen mit gleich guten oder auf Ihren Standort sogar noch besser angepassten Eigenschaften entnehmen.

Und drittens ist es wie bei allen Produkten auch entscheidend, wohin das Geld der Konsument:innen fließt: Kauft man bei jemandem, für den Saatgut eine x-beliebige Handelsware ist, oder unterstützt man mit dem Einkauf eine Organisation, die sich seit Jahrzehnten sehr aktiv für den Erhalt unserer wunderbaren Nutzpflanzen-Vielfalt einsetzt?

Was sind die Hauptgründe für das Schwinden der Vielfalt? 

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in Europa den verständlichen Wunsch, den Hunger ein für alle Mal zu überwinden. Dementsprechend wurde von der Politik über Jahrzehnte alles getan, um eine sehr effiziente und entsprechend industriell organisierte Landwirtschaft zu fördern. Obwohl Österreich im internationalen Vergleich noch relativ kleinstrukturiert ist, sind auch bei uns die Folgewirkungen offensichtlich: riesige Monokulturen mit immer eintönigeren Hochleistungssorten, enormer Verbrauch von Kunstdünger und Pestiziden, ein dramatisches Bauernsterben und eine extreme Marktkonzentration im Lebensmitteleinzelhandel.

Unter diesen Rahmenbedingungen bleibt die Vielfalt natürlich auf der Strecke, weil sie in einem industriellen Geschäftsmodell ein „Störfaktor“ ist.

Unter dem Strich haben wir dadurch während der vergangenen 100 Jahren weltweit etwa 75 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Sortenvielfalt verloren.

Zum Beispiel die ‚Znaimer Gurke‘: Sie war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine „Weltmarke“: Znaimer Gurkenfässer wurde von Südböhmen bis nach Amerika und Indien exportiert. Trotz ihres vielgerühmten Geschmacks ist sie bereits seit vielen Jahrzehnten verschwunden. Heute dominieren moderne Hybridsorten den Gurkenmarkt zu über 90 Prozent.

Auch das EU-Saatgutrecht ist ein Spiegelbild dieser Entwicklung: Abgesehen von der enormen Macht der internationalen Saatgutkonzerne förderte die Politik von Anfang an industriell produziertes Hybrid-Saatgut, weil dieses – unter der Voraussetzung eines entsprechenden Chemie-Einsatzes – sehr ertragreich war und man auch glaubte, so Pflanzenkrankheiten und Schädlingsbefall am besten unter Kontrolle halten zu können.

Jetzt befindet sich die Landwirtschaft in der Falle: Die Marktmacht einiger weniger Saatgut-Produzenten ist erdrückend, die Böden sind mittlerweile vollkommen ausgelaugt, wir erleben ein dramatisches Insekten- und Vögel-Sterben, es wird zwar „marktfähige“, aber immer langweiligere Qualität produziert und der durchschnittliche Landwirt kann als schwächstes Glied einer agrarindustriellen Wertschöpfungskette von seiner Arbeit kaum mehr leben.

Was kann man als Städter:in am ehesten tun, um Teil der Lösung zu sein?

Wirkliche Lösungen finden nur durch grundlegende Veränderungen der politischen Rahmenbedingungen statt. Städter:innen wie auch Menschen am Land sollten also jene Parteien und Politiker:innen wählen, denen die Förderung der Nutzpflanzenvielfalt und die Unterstützung der kleinstrukturierten Bio-Landwirtschaft ein wirkliches Anliegen ist. Gerade für Städter:innen ist Landwirtschaftspolitik vermutlich ein weit entferntes und ziemlich sprödes Thema, sie ist aber für unser gutes Überleben auf diesem Planeten von entscheidender Bedeutung!

Zudem haben wir jeden Tag die Möglichkeit, auch selbst ein wenig vernünftiger zu agieren: Kaufen wir Obst und Gemüse regional und saisonal ein, wenn möglich in Bio-Läden oder direkt auf Bauernmärkten! Legen wir auch beim Kochen Wert auf Vielfalt! Pflanzen wir auf Balkon, Terrasse oder im Hinterhof seltene Sorten an! Verschenken wir hochwertiges Saatgut an Freund:innen und Bekannte! Vermitteln wir unseren Kindern einen liebevollen Umgang mit der Natur und mit unseren Nahrungsmitteln!

Und sollten Sie einen etwas größeren Garten besitzen, freuen wir uns, wenn Sie eventuell dem Erhalter:innen-Netzwerk von ARCHE NOAH beitreten und begleitet von unseren Expert:innen die temporäre Vermehrung von ein oder zwei seltenen Gemüse-Sorten übernehmen.

Können Sie anhand eines Beispiels erörtern, wie spielentscheidend Biodiversität im Zusammenhang mit der Klimakrise ist?

Der Klimawandel bringt für die Landwirtschaft zwei große Herausforderungen: einerseits einen ständigen Anstieg der Durchschnittstemperaturen und andererseits eine Zunahme der Extremwetter-Ereignisse. Für beide Probleme ist Resilienz durch Sortenvielfalt die richtige Antwort.

Schon heute sieht man, dass einige in Ostösterreich traditionelle Sorten – etwa bei Bohnen oder Kraut – mit den immer höheren Temperaturen nicht mehr zurechtkommen. Da ist es von großem Vorteil, wenn man viele andere Sorten und auch das entsprechende Saatgut in Reserve hat, um die Kulturen entsprechend anpassen zu können.

Artenvielfalt Arche Noah
Auch Bohnen zählen zur Artenvielfalt der Arche Noah. Foto: ARCHE NOAH / Schiltern, Doris Steinböck

Das Wetter wird durch den Klimawandel aber auch immer unberechenbarer: Kälte- und Hitzeperioden, Dürren und Starkregen-Ereignisse werden wesentlich häufiger auftreten als früher. Eine Landwirtschaft, die nicht mit riesigen Monokulturen alles auf eine Karte setzt, sondern kleinstrukturierter und vielfältiger aufgestellt ist, ist auch entsprechend widerstandsfähiger.

Die Forstwirtschaft ist gerade dabei, die bittere Lektion zu lernen: Halb Österreich ist mit Fichten-Monokulturen bedeckt, die unter immer größerem Klimastress stehen und eine willkommene Beute für den Borkenkäfer sind. Mit Mischwäldern wäre dieses milliardenteure Desaster nicht passiert.

Was sind wichtige, politische Maßnahmen, für die Sie als Geschäftsführer von ARCHE NOAH plädieren? 

Wir fordern ein EU-Saatgutrecht, mit dem das vielfältige Saatgut alter Kultursorten nicht ständig diskriminiert und bloß in kleinen Nischen geduldet wird, sondern das dieses aktiv fördert. Wir benötigen eine Art Beweislastumkehr: Gesundes, bio-zertifiziertes und samenfestes Saatgut sollte der Normalfall sein, hingegen sollten die großen Saatgutkonzerne unter Rechtfertigungsdruck stehen, warum ihre Produkte ohne massiven Chemie-Einsatz, der unsere Böden zerstört, gar nicht mehr funktionieren.

Unser Einsatz gegen die eigentlich illegale Patentierung von Pflanzen und Tieren stellt einen zweiten Schwerpunkt dar. Züchtungserfolge durch traditionelle Methoden oder nur aufgrund zufälliger Mutationen dürfen durch Patente nicht monopolisiert werden. Wenn beispielsweise große Bierkonzerne versuchen, Patente auf Braugerste-Sorten zu erlangen, wird dies unsere vielfältige Bierkultur zerstören.

Arche Noah Schaugarten. Foto: ARCHE NOAH / Schiltern, Rupert Pessl
Arche Noah Schaugarten. Foto: ARCHE NOAH / Schiltern, Rupert Pessl

Und nicht zuletzt muss die Rettung, Erhaltung, Erforschung, Züchtung und Bereitstellung von Nutzpflanzensorten wesentlich stärker von staatlicher Seite gefördert werden. Der neu geschaffene Biodiversitäts-Fonds bietet hier erste Möglichkeiten. Aber so wie man auf einem großen Kreuzfahrtschiff die Funktionsfähigkeit der Rettungsboote nicht von der Eigeninitiative einzelner Passagiere abhängig machen kann, muss der Erhalt unserer Ernährungsgrundlagen und damit unseres Überlebens auf diesem Planeten letztendlich auch eine staatliche Aufgabe sein – und nicht das „Privatvergnügen“ eines Vereins wie der ARCHE NOAH.

Wäre es nicht sinnvoll, private Gärtner mit öffentlichen Samenbanken zu vernetzen? 

Da das in Samenbanken und Genbanken gesammelte Material letztendlich das in Jahrtausenden entwickelte kollektive Eigentum der Menschheit ist, sollte das Saatgut prinzipiell auch für alle Menschen verfügbar und nutzbar sein. Wir von ARCHE NOAH versuchen das, indem wir möglichst viele Sorten – auch absolute Raritäten – über unseren Webshop sowie das Sortenhandbuch unserer Erhalter:innen anbieten, bei denen Sie Saatgut direkt beziehen können. Natürlich wäre es wünschenswert, auch die staatlichen Genbanken für Privatgärtner:innen zugänglich zu machen. Diese sind derzeit jedoch sehr wissenschaftlich organisiert und wären mit vielen privaten Anfragen wohl bald überfordert. Organisationen wie ARCHE NOAH könnten hier aber eine Art Schnittstelle bilden, Informationen aufbereiten und einzelne Sorten hochvermehren.

Was gibt Ihnen in Anbetracht der bevorstehenden gesellschaftlichen Herausforderungen Hoffnung, dass wir die größte Herausforderung der Menschheitsgeschichte, die Klimakrise, lösen? 

Obwohl es mit jedem Tag schwerer fällt, glaube ich prinzipiell an die Lernfähigkeit des Menschen. Das Problem besteht darin, dass substanzielle Fortschritte in der Lernkurve nicht allein durch Vernunft, sondern in der Regel nur durch Krisen und Katastrophen erzielt werden.

Auch wenn es vielleicht zynisch klingt, müssen wir auf „verkraftbare Katastrophen“ hoffen, also auf dramatische Auswirkungen des Klimawandels, die gerade noch zu bewältigen sind, uns aber zu einem nachhaltigen Einlenken zwingen.

Natürlich ist die Transformation hin zu einer klimaverträglichen Lebens- und Wirtschaftsweise nicht einfach, weil es dabei um nichts weniger als eine grundlegende Veränderung unseres Lebensstils geht, die Mäßigung auf allen Ebenen verlangt: Eine klimaverträgliche Gesellschaft muss wesentlich weniger Energie und Ressourcen verbrauchen, sich weitgehend vegetarisch ernähren, sie verlangt nach regionalen Versorgungsstrukturen und einem eher sesshaften Mobilitätsverhalten und sie muss die soziale Verteilungsfrage ohne traditionelles Wirtschaftswachstum lösen.

Da wir menschheitsgeschichtlich betrachtet derzeit in enormem Luxus leben, sehr viel Verschwendung betreiben und weil die menschliche Fantasie und Anpassungsfähigkeit fast unbegrenzte Ressourcen darstellen, besteht jedoch prinzipiell ein sehr hohes Potenzial, mit einem genügsameren und vernünftigeren Lebensstil auch ein sehr glückliches Leben zu führen.

Volker Plass

Seit September 2021 ist Volker Plass Geschäftsführer von ARCHE NOAH in Schiltern/Niederösterreich. Er bringt u.a. drei Jahrzehnte Erfahrung im NGO- und Umweltbereich mit. Neben seiner Tätigkeit als selbstständiger Grafikdesigner und Kommunikationsberater für unterschiedlichste Non-Profit-Organisationen gründete er im Jahr 2000 die „Grüne Wirtschaft“, die Interessenvertretung grüner und grünnaher UnternehmerInnen. Nach seinem Ausstieg aus der Politik im Jahr 2016 war Volker Plass bis zuletzt Programm-Manager bei Greenpeace in Österreich. 

ARCHE NOAH setzt sich konsequent für bessere politische Rahmenbedingungen für die Nutzpflanzen-Vielfalt ein. Derzeit können Sie die „Petition gegen Patente auf Saatgut“ auf www.keinpatentaufsaatgut.at unterzeichnen.

Allgemeine Infos

www.arche-noah.at

shop.arche-noah.at

Im Jahr 2016 ging Ernst Merkinger von Pamplona nach Finisterre, 2017 viereinhalb Monate lang zu Fuß von Wien nach Marrakesch, 2018 vom Gletscher bis zum Meer, 2019 den Kitzbühler Alpen Trail, den Lechweg, den Dolomitenhöhenweg 3, den 2TälerTrail, etc. Der Weitwanderer, Meditationslehrer und Autor hat durch seine Fußmärsche nicht nur die Faszination des Gehens, sondern auch die Begeisterung des Schreibens für sich entdeckt.