„Wir orientieren uns an der Mehrheit“ - Umweltpsychologin und Autorin Isabella Uhl-Hädicke im Interview

Isabella Uhl-Hädicke ist Umweltpsychologin und Buchautorin (Foto: Alex Gotter)

30. Juni 2022: Was genau ist eine Umweltpsychologin? Was tut sie? Und welche Fragen und Sorgen beschäftigen die Menschen, die zu ihr kommen? Einige Antworten auf diese und andere Fragen hat Isabella Uhl-Hädicke in ihrem Buch “Wieso machen wir es nicht einfach?“ zusammengefasst und beantwortet. Im Interview geht es um das Dilemma, wenn man sich nicht aufraffen kann, das eigene Verhalten zu ändern – obwohl man weiß, dass es das Richtige wäre.

Isabella, auf Deiner Visitenkarte steht das Wort „Umweltpsychologin“ – was bedeutet das? Kümmerst du dich um das Seelenleben von Zimmerpflanzen?

Ja, das ist glaube ich das Bild in vielen Köpfen, dass bei mir Pflanzen oder Tiere auf die Couch kommen. So ist es aber nicht. Psychologie beschäftigt sich damit, wie und warum Menschen handeln wie sie handeln – und Umweltpsychologie wendet sich speziell im Umweltbereich an. Sie beschäftigt sich damit, welche Faktoren umweltfreundliches Verhalten fördern und unter welchen Umständen wir tatsächlich umweltfreundlich handeln.

Womit wir schon mitten Thema wären: „Warum machen wir es nicht einfach?“ heißt das Buch, das du unlängst im Molden Verlag veröffentlicht hast. Aber: Eigentlich wir wissen ja alle, was richtig wäre. Die Klimakrise ist ja kein neues Thema. Im Prinzip wissen wir, was zu tun wäre. Warum also dieses Buch?

Es wäre schön, wenn es so einfach wäre: Das Wissen ist da. Und das Bewusstsein. Studien zeigen, dass der Großteil der Bevölkerung die Klimakrise ganz klar als Bedrohung ansieht und sich bewusst ist, was passieren muss. Trotzdem ist da eine große Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln. Meiner Ansicht nach kann die Psychologie da wertvolle Beiträge liefern. Das war meine Motivation: Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie im Privatleben oder auch beruflich anwendbar werden.

Um zu wissen, was man tun muss, muss man die Problemstellungen definieren. Aber viel Menschen sind von der Fülle der Problemstellungen einfach überfordert. Ist dieser Informations-Overkill Teil des Problems?

Definitiv. Nicht nur die Informationsflut, sondern auch die Art der Information. Es ist extrem beängstigend. Und Menschen sind sehr schlecht darin, mit Bedrohungen konstruktiv umzugehen. Besonders in diesen Zeiten: Wir haben die Pandemie, wir haben den Ukrainekriege – da denkt sich jeder „Bitte nicht noch eine Katastrophenmeldung. Ich kann nicht mehr, das überfordert mich.“

Dieses Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht ist absolut verständlich. Den Kopf in den Sand stecken – das passiert oft gar nicht bewusst, sondern unbewusst. Man muss ja irgendwie weitermachen, den Alltag bestreiten. Da ist es häufig leichter, sich abzulenken und andere Handlungen setzen. Das deckt sich auch mit meiner Forschung: Führt mehr Wissen über den Klimawandel zu mehr Handlungen dagegen? Nein. Ganz klar. Das ist leider nicht die erfolgsversprechende Strategie.

Isabella Uhl-Hädicke ist Autorin von „Warum machen wir es nicht einfach?“

Irgendwo in einem der ersten Kapitel steht da das Wort „Schockstarre“. Wie bekommt man Menschen da wieder raus?

Da gibt es verschiedene Faktoren. Einer ist sicherlich die „Selbstwirksamkeit“, das Gefühl „meine Handlungen machen einen Unterschied“. Der zweite Faktor sind dann die kollektive Wirksamkeit, das Gruppengefühl. Das kennt jede und jeder, der sich im Klimabereich engagiert.

Oft ist es so, dass man sagt, dass man viel ändern will, sein Leben ändert – aber das Umfeld bleibt gleich. Da fragt man sich, ob es überhaupt einen Sinn hat, wenn doch alle anderen nix ändern. Da ist der Zusammenschluss extrem wichtig. Weil es viele gibt, die sich engagieren. Da hilft es, mitzumachen. Bei Gruppen, beim Klimavolksbegehren, beim Klimastreik. Aber auch über soziale Medien – wenn man Menschen folgt, die aktiv sind. Da sieht man „es tut sich was“.

Einspruch! Führt nicht genau das dazu, dass man in einer Algorithmus-Bubble endet und glaubt, die ganze Welt ist so gestrickt ist, wie man selbst?

Ein wichtiger Punkt. Es geht um zwei Faktoren: Zum einen, „wie bleibe ich motiviert?“ Da hilft das sicherlich. Aber natürlich gibt es auch dieses Phänomen, in einer Gruppe zu sein und dadurch zu glauben, die Mehrheit zu sein. Besonders auffällig ist das bei Impfgegnern und Coronaleugner: tatsächlich sind die eine Minderheit. Ja, das ist vielleicht eine Gefahr. Aber ich sehe die Chance. Man kann Personen erreichen und bleibt dran – aber natürlich ist es immer wichtig, auch aus der Blase rauszugehen – auch um Personen zu erreichen, die das Thema noch nicht aufgegriffen haben.

Hüpfen wir aus der Blase der Überzeugten raus. Dass es nett ist, wenn du und ich am Markt unser Gemüse ohne Plastiksackerl kaufen, wissen wir. Aber gleichzeitig versuchen ganze Kontinente sich wirtschaftlich nach vorne zu pushen – ohne Rücksicht auf das Klima. Und: jede Rakete, die auf die Ukraine abgeschossen wird, hat ganz nebenbei einen Klimaimpact.

Aus psychologischer Sicht lässt sich das mit „sozialen Normen“ argumentieren. Soziale Normen sind ungeschriebene Gesetze in unserer Gesellschaft. Verhaltensweisen, die wir beobachten. Die haben einen extrem großen Einfluss auf uns. Schon deshalb ist es sinnvoll, dass man als Einzelperson vorangeht und klimafreundliche Verhaltensweisen im Alltag zeigt. Man zeigt anderen, dass es möglich ist. Nicht nur auf einer Almhütte. Der Kollege, die Kollegin mit einer ähnlichen Lebensrealität – der es trotzdem schafft, klimafreundlich zu leben.

Ein anderer Aspekt, der wichtig ist: Ich glaube, dass es in der ganzen Klimadebatte wichtig ist, dass man sich wieder bewusst wird, wo die großen Hebel sind.

Schauen wir uns das Zeitfenster an, das uns bleibt, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen: Da brauchen wir die großen Bereiche – und da wird es ohne politische Rahmenbedingungen nicht gehen.

Sicher ist es wichtig, was ich persönlich einkaufe – aber sich der politischen Stimme bewusst zu werden, ist mindestens genauso wichtig. Das sind die Hebel, die weit reichen – und über die schnell etwas passieren kann.

Die Politik hat Angst davor, Komfortzonen anzugreifen. Weil alte Gewohnheiten zu ändern unangenehm ist. Gleichzeitig sagen Viele, warum gerade sie etwas tun sollen, während alle anderen.. und so weiter.

Es ist klar: es braucht politische Rahmenhandlung und wirtschaftliches Umdenken. Aber das ersetzt Handlungen von Einzelpersonen nicht. Klar muss die Politik handeln – aber wir sind eine Demokratie. Wir bestimmen, wer und was die Politik ist. Welche Prioritäten sie setzt. Klar: Politik denkt in Wahlzyklen. Und sie tut sich leichter, Dinge umzusetzen, wenn die auch von der Bevölkerung mitgetragen werden. Da hat man auch als Einzelperson viel Spielraum und Macht, die man einsetzen kann.

Ich zitiere aus Deinem Buch: „Selbstverständlich ist die Bereitschaft der Bevölkerung für eine nachhaltige Zukunft zentral, aber ohne politische Rückendeckung wird es schwer ja sogar unmöglich“ – in der aktuellen politischen Diskussion wird „Rückendeckung“ oft mit Geld, mit Förderungen gleichgesetzt. Ist Geld ein gutes Argument?

Ja und Nein. Man muss genau schauen, wie Förderungen ausschauen. Wenn die zu gering ist oder beim Alltagsverhalten ansetzt, muss alles passen: Etwa beim Energieverbrauch im Haushalt. Da wurde den Leuten rückgemeldet, wie viel sie im Moment sparen könnten – aber die Summen waren zu gering. Das hat niemanden motiviert: Der Anreiz muss hoch genug sein. Idealerweise geht es da auch um Einmalanschaffungen – da zeigt es sich, dass das definitiv in Kombination mit anderen Maßnahmen eine sinnvolle Strategie ist.

Es geht auch um Kommunikation. Wenn im Hotelzimmer steht „schützen Sie die Umwelt, verwenden Sie Handtücher noch einmal“ nickt jeder – und tut nix. Steht da aber „75 Prozent der Gäste verwenden Handtücher noch einmal – schützen auch Sie die Umwelt“, will jeder dazu gehören. Steht in deinem Buch. Ist es wirklich so einfach?

Ja. Das ist nicht der einzige Weg, aber er funktioniert. Sozialen Normen spielen eine extrem große Rolle. Wir orientieren uns an der Mehrheit. Das spannende bei dem Hotelbeispiel ist: man hat die Leute im Nachhinein gefragt, warum hast du das Handtuch nochmal verwendet. Keiner sagt „weil es die anderen auch tun“ – man hat immer rationale Gründe genannt: „Mir ist es wichtig, die Umwelt zu schützen“ oder Energie zu sparen. Das zeigt klar, dass die sozialen Normen wirken – oft unbewusst.  Weil wir gerne es rational handelnde Wesen gesehen werden wollen.

Jetzt kommt das große „Aber“: Soziale Normen sind ein wichtiger Hebel – aber es gibt Umstände, unter denen sie stärker oder schwächer wirken. Sie wirken vor allem dann, wenn das Verhalten von Personen gezeigt wird, mit denen ich mich identifiziere. Wenn das von Personengruppen kommt, mit denen ich mich gar nicht identifiziere oder mich vielleicht sogar abgrenzen möchte, führt das manchmal sogar zum Gegenteil. Darum ist es in der Klimadebatte so wichtig, unterschiedlichste Personengruppen zu zeigen – nicht immer nur den Klischee-Öko. Man muss möglichst viele, ganz unterschiedliche Menschen vor den Vorhang bringen.

Eine Personengruppe, die man schwer erwischt ist diejenige die ihr Verhalten als Statussymbol versteht: Vielflieger. Fette Autos. Das sind Zeichen für Reichtum und Erfolg. Plötzlich sind das alle böse. Oder zumindest falsch. Die Kehrtwende ist nicht einfach, oder?

Das ist definitiv nicht leicht. Und es ist menschlich ja auch total verständlich:  Man hat sich ein Weltbild aufgebaut und eine Vorstellung von einem guten Leben. Da hast sich keiner was Böses dabei gedacht – und plötzlich steht das im totalen Gegensatz zu dem, was es braucht, um eine lebenswerte Zukunft zu haben. Das ist beängstigend und löst dann die sogenannte „kognitive Dissonanz“ – das, was die Leute dann als inneren Zwiespalt erleben: wie sie handeln sollen und wie sie dann tatsächlich handeln. Idealerweise lösen sie das so, dass sie ihr Verhalten anpassend sich ändern – oder aber sie finden Ausreden: Ok, ich habe ein großes Auto, dafür trennen ich den Müll. Oder mache nur wenige Flugreisen. Es ist also nicht so schlimm.

Oder dass ich die lächerlich mache oder herunterspiele, die Fakten aufzeigen, etwa indem ich sage, dass die sich nicht so aufspielen sollen.

Wie kann man das ändern?

Das kann nicht von heute auf morgen gehen. Aber es geht dann, wenn man immer andere und neue Gruppen mitzieht. Außerdem sind verpflichtende Umweltgesetze der schnellste Weg, um soziale Normen zu ändern.

Zentral ist auch der Einfluss des Umfeldes. Das merkt man auch beim Thema Ernährung: das ist eine große Generationenfrage. Es gab gerade eine Umfrage unter der Generation Z: da zeigte sich, dass der Verzicht auf Fleisch für die jüngere Generation kein großes Thema mehr ist.

Eine vielleicht persönliche Frage: Du stehst knapp vor der Geburt deines zweiten Kindes. Sind deine Kinder, deine Verantwortung für die Zukunft, auch deine Motivation?

Ja und Nein. Ich habe mich mit Umwelt- und Klimafragen schon davor beschäftigt. Jeder merkt, dass die Welt grob im Argen liegt – aber alles läuft weiter wie bisher und nicht entsprechend der Faktenlage. Das passt nicht zusammen. Da habe ich beschlossen, dass ich nicht nur privat, sondern auch beruflich in diesem Bereich aktiv sein möchte. Aber natürlich ist das jetzt nochmal persönlicher. Es geht ja um die konkrete Zukunft meiner Tochter, natürlich ist das noch ein extra Motivationsschub, dranzubleiben.

Bist du Optimistin? Werden wir das alles noch schaffen?

Ja. Denn was hat das alles, was wir da tun, denn sonst für einen Sinn? Es gibt keine Alternative: Wenn wir keine Optimisten sind, bräuchten wir das alles gar nicht zu machen.

Tom Rottenberg ist ein schlechter Mensch. Nicht viel schlechter als andere, aber eben auch nicht wirklich gut - obwohl er das gerne wäre und es redlich versucht. Im Hauptberuf Journalist, schreibt er im Falter über die Stadt und ihre Bewohner und blogged im Standard unter „rotte rennt“ über das Laufen. Er lebt meistens in Wien.